Cloud Atlas

Erstmal vorneweg, ich habe das Buch von David Mitchell noch nicht gelesen, und kann daher nicht sagen ob die Geschichte vorlagengetreu umgesetzt oder doch eher freier inszeniert wurde (nach allem was ich dazu gelesen habe scheinen aber alle Episoden, außer die „Jetzt-Zeit“,  sehr nah am Buch zu sein.)

Schon vor ein paar Monaten als der Langtrailer herauskam hatte ich gemutmaßt, dass wir hier entweder ein absolutes Meisterwerk zu sehen bekommen oder die größte Gurke der Filmgeschichte. Und tatsächlich scheiden sich an dieser Bestseller-Verfilmung wieder einmal die Geister. Einige finden ihn mehr als übel, voller Plattheiten und bräsig inszeniert. Die meisten scheinen ihn jedoch genial zu finden, was die 8,2/10-Wertung bei IMDb oder die 76% Likes bei Rotten Tomatoes untermauern. So auch ich.

Denn „Cloud Atlas“ schafft m.M.n. den Spagat zwischen inhaltlichem Tiefgang, ästhetischer Inszenierung und buntem Popcorn-Bombast spielend und verwebt sechs Einzel-Episoden gekonnt zu einer absolut stimmigen Einheit.

Die erste Handlungsebene setzt im Jahr 1849 ein wo der amerikanische Anwalt Adam Ewing im Südpazifik die Folterung eines versklavten Einheimischen beobachtet und dieser sich nach gelungener Flucht als blinder Passagier auf dessen Schiff Richtung Heimat versteckt. Zudem wird er von einem vermeintlichen Parasiten befallen und von einem undurchsichtigen Arzt behandelt…

Die zweite Ebene spielt im London des Jahres 1936 wo der junge Komponist Robert Frobisher eine Anstellung bei dem ehemals großen Meister Vyvyan Ayrs annimmt um selbst sein Lebenswerk, das Wolkenatlas-Sextett, zu vollenden. Er leidet aber auch unter der örtlichen Trennung von seinem Freund Rufus Sixsmith…

Im dritten Handlungsstrang bleibt die Journalistin Luisa Rey 1973 in San Francisco im Aufzug mit dem alten Rufus Sixsmith im Aufzug stecken. Der Atomphysiker macht sie dabei auf einen Skandal in seiner Firma aufmerksam. Kurz darauf schweben beide in Lebensgefahr…

Die vierte Episode spielt im London von heute wo der in Geldnöten steckende Verleger Timothy Cavendish auf der Flucht vor seinen Häschern durch eine Hinterlist seines Bruders in einem geschlossenen Pflegeheim landet. Als er begreift, dass er hier mitnichten in einem Hotel ist plant er verweifelt von dort auszubrechen, was allerdings in heilloses Chaos und wahnwitzige Szenen ausartet…

Die fünfte Ebene ist in „Neo-Seoul“ im Jahre 2144 angesiedelt. Dort wird die Replikantin Sonmi-451, eine geklonte Arbeitssklavin, von einem Rebellen befreit der ihr eine bedeutende Rolle im Kampf gegen das unterdrückerische Regime  beimisst. Nachdem Sonmi hinter einige schockierende Geheimnisse kommt schließt sie sich ihm bereitwillig an…

Der letzte Handlungsstrang schließlich spielt in einer nicht näher genannten entfernten Zukunft („106 Winter nach dem Untergang“) auf einem Hawaii nach dem Ende der Hochzivilisation. Dort freundet sich der Hirte Zachary mit Meronym, einer „Presciant“, an (die zu einer Gruppe gehört die noch die „alte“ Hochtechnologie der Vorfahren beherrschen). Gemeinsam müssen sie vor dem Angriff des mordlustigen Stammes der „Kona“ fliehen…

Die verschiedenen Erzählebenen werden dabei nicht geradlinig erzählt, so dass dem Zuschauer erst nach und nach die Verbindungen der einzelnen Charaktere und Ebenen offenbar wird. Im Kern geht es aber zu jeder Zeit um den Kampf um Freiheit, Selbsterfüllung und die alle Zeiten überdauernde Liebe. In dieser Hinsicht ist „Cloud Atlas“ im besten Sinne zutiefst romantisch. Stellenweise wird der Film zwar auch etwas esoterisch, was ich aber nicht schlimme finde (obwohl ich sonst damit gar nichts anfangen kann).

Die Inszenierung ist zudem absolut gigantisch. Visuell einfach umwerfend und unglaublich beeindruckend. Wunderschöne Bilder, die auch noch lange nachwirken. Kamera, Schnitt und Ton sind ebenfalls perfekt. Die Darstellungen sind auch durch die Bank klasse, spielen doch die meisten Schauspieler bis zu sechs teils komplett unterschiedlichste Rollen. Am besten gefallen mir hier wieder einmal Ben Wishaw (den ich langsam wirklich zu den größten Talenten seiner Zeit zähle), Hugo Weaving (der besonders als dämonisches Hirngespinst als eine Art Mischung aus Hulk und Tom Waits in den Postapokalypse-Szenen brilliert) und Hugh Grant (der hier in einem einzigen Film mehr schauspielerische Nuancen zeigt als in all seinen Filmen zuvor zusammen!) .

Die Regiearbeit von Tom Tykwer, der die Episoden in den 1930ern, 1970ern und 2012 inszeniert hat, sowie der Wachowski-Geschwister die die Zukunftsepisoden und die 1840er-Szenen verantwortet ist auch wunderbar gelungen. Besonders muss ich hier übrigens die 2012er-Episode hervorheben. Tykwer versteht es z.T. extreme Gewalt schon beinahe humorvoll in Szene zu setzen und zeigt, dass er neben Drama und Action auch ein wunderbares Händchen für gute Comedy hat. Ich habe in letzter Zeit selten so gelacht wie in diesen Szenen. Broadbents süffisantes Spiel unterstützt dies natürlich noch. Und gegen Ende kommt es sogar zu einem völlig unerwarteten aber unglaublich passenden Cameo (ich sage nur „Walter“ 😉 ). Der direkte Kontrast von diesen comedy-artigen, teils fast surreal anmutenden Momenten zu den actionreichen, dramatischen und manchmal auch tieftraurigen Szenen hat mich auch nachhaltig beeindruckt.

Das mit Abstand brillianteste an „Cloud Atlas“ sind aber auf jeden Fall die vielen unfassbar genialen Masken. Es gab beinahe bei jedem Schauspieler mind. eine Figur die ich nie im Leben erkannt hätte. Mit Abstand das beste Make-Up, das es je in einem Film zu sehen gab! Es wirkt zwar stellenweise etwas befremdlich wenn kaukasische Typen asiatische Menschen darstellen (und andersherum), aber technisch ist das unfassbar gut gelungen. Dafür MUSS es den diesjährigen Oscar geben, alles andere wäre blanker Hohn und durch nichts zu entschuldigen.

Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass es sich hier um ein modernes Meistwerwerk handelt, dass sicher keinen kalt lassen wird, selbst wenn den Film jemand nicht mag.

Unbedingt anschauen.


USA – 2012 – 2 Std. 50 Min.
Regie: Tom Tykwer, Andy & Lana Wachowski
mit Tom Hanks, Halle Berry, Hugh Grant, Ben Wishaw und Jim Broadbent
Genre: Drama, Science-Fiction, Action

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  • auf grund deiner sehr gut ausgefallenen kritik zu diesem film, entschied ich mich, den film NICHT nach 1,5 stunden auszuschalten. und ich muss sagen: ICH HABE ES BEREUT. es sind 3 std meiner meinung nach reiner ZEITVERSCHWENDUNG. sicherlich die idee mag nett sein und natürlich ist es grandios gedreht, was die kulissee anbetrifft bzw die liebe zum detail in jeder epoche..aber meiner meinung nach, wirft der film von anfang bis ende nur fragen auf, die sich auch nicht am schluss alle aufklären. der film sollte nicht cloud atlas sondern chaos heissen. ich mag gerne neue filme oder filme in die man sich ein wenig reinfuchsen muss, wie inception zb….aber sowas?! ne, also ich persönlich bin echt enttäuscht, zumal der film hochkarätig besetzt ist und die schauspielerische leistung aller 1a ist.! nur leider ist der handlungsstrang zu lückenhaft. aus meinem bekanntenkreis hat die mehrheit so empfunden..