Die größten Oscar-Fauxpas (1): THE HOURS – Von Ewigkeit zu Ewigkeit (OT: The Hours)

Ich habe mir überlegt eine neue Serie zu starten und wöchentlich einen Film zu rezensieren, den ich für ein Meisterwerk halte und der bei den Oscars zu wenig oder gar keine Beachtung gefunden hat. Starten möchte ich die Serie mit einem unseren absoluten Favoriten aus unserer 6-jährigen Zeit im Studi.vz: THE HOURS – VON EWIGKEIT ZU EWIGKEIT.

Was ist für einen Menschen noch erträglich und was nicht mehr? Nein, die Frage bezieht sich nicht auf eine sozusagen punktuelle Unerträglichkeit im Leben. Es geht um chronisches Leiden, um Leiden, das durch Konventionen zusätzlich erschwert wird, weil ein Ausstieg aus dem dauerhaften Schmerz innerhalb einer sozialen Struktur hart bestraft werden könnte und mit Gewissensbissen verbunden wäre. Aber in „The Hours“ geht es noch um mehr – um die Beziehung zwischen Liebe und Tod, zwischen dem Ewigen und dem Begrenzten, dem Möglichen und dem absolut Unmöglichen, zwischen Erfolg und Scheitern, zwischen notwendigen Entscheidungen für sich selbst und deren Folgen für andere. Drei Frauen stehen im Zentrum dieses Leidens und dieser Leidenschaften, drei Frauen aus drei Jahrzehnten: Virginia Woolf (eine verdiente Oscar-Preisträgerin Nicole Kidman), Laura Brown (zum zweiten Mal nach „Far From Heaven“ eine wunderbare Julianne Moore) und Clarissa Vaughan (eine in jeder Hinsicht exzellente Meryl Streep, die schon kurz zuvor in „Adaptation“ überzeugen konnte). „The Hours“ ist trotzdem kein „Frauenfilm“. Denn auch drei Männer stehen im Zentrum des Schicksals – der Maler Richard Brown (Ed Harris in einer Paraderolle), Virginias Ehemann Leonard (Stephen Dillane, herzzereissend) und Lauras Ehemann Dan (berührend: John C. Reilly).

Die Schriftstellerin Virginia Woolf wird von Ärzten und ihrem Mann Leonard dazu veranlasst, von London aufs Land zu ziehen. Die Hektik der Großstadt bekomme ihr nicht. Virginia leidet an Wahnvorstellungen. Sie arbeitet an dem Roman „Mrs. Dalloway“, der 1925 erscheinen wird. Obwohl sich ihr Gesundheitszustand verbessert, fühlt die Schriftstellerin sich nicht wohl. Sie vermisst das geschäftige Treiben in London und will zurück. Doch unter der Aufsicht ihres liebevollen Mannes, der Ärzte und der Haushälterinnen, die jeden ihrer Schritte kontrollieren, hat sie offenbar keine Chance, dem freudlosen Leben zu entrinnen.

Im Los Angeles Anfang der 50er Jahre führt Laura Brown ein nach außen sorgloses Leben. Ihr Mann Dan liebt Laura. Beide haben einen kleinen Sohn, Richard (Jack Rovello), der seiner Mutter sehr zugewandt ist. Laura jedoch ist unzufrieden. Sie spürt, dass das Leben, das Dan immer wollte, nicht ihr Leben ist. Alles sieht perfekt und sauber aus: Das Haus, der Vorgarten, selbst der kleine Richard wirkt auf sie wie ein perfekter Sohn. Als sie beginnt, „Mrs. Dalloway“ zu lesen, wird ihr klar, dass sie entweder alles hinter sich lassen oder das Schicksal der Romanfigur teilen muss.

New York, 2001. Die Verlagslektorin Clarissa Vaughan (Meryl Streep) bereitet eine Party für den Schriftsteller Richard (Ed Harris) vor, der für seinen letzten Roman einen Literaturpreis bekommen soll. Clarissa trägt nicht nur den gleichen Vornamen wie Virginias Romanfigur; Richard nennt sie „Mrs. Dalloway“. Richard ist an AIDS erkrankt, vegetiert in seinem Loft vor sich hin. Seit Jahren versorgt Clarissa den Todkranken, mit dem sie vor langen Jahren eine Beziehung hatte. Jetzt lebt sie in einer lesbischen Beziehung mit Sally (Allison Janney). Ihr einziger Trost scheint ihre Tochter Julia (Claire Danes) zu sein. Auch Clarissa ist zutiefst unzufrieden mit ihrem Leben.

Stephen Daldry erzählt die Geschichte dreier Frauen, die sehr viel gemeinsam zu haben scheinen. Alle denken an Selbstmord oder sind damit konfrontiert, alle drei haben sexuelle Neigungen zu Frauen. Als Lauras Nachbarin Kitty (in einem der best gespieltesten Cameos der Filmgeschichte: Toni Collette) erzählt, sie müsse ins Krankenhaus wegen einer Gebärmutteroperation, hat Laura Mitleid mit Kitty. Als sie sich von ihr verabschiedet, küsst sie sie innig wie eine Geliebte. Virginia Woolf, die bisexuell war, ist in einer Szene mit ihrer Schwester Vanessa (Miranda Richardson) zu sehen, von der sie sich ebenfalls mit einem innigen Kuss verabschiedet. Alle drei Frauen eint die Zerrissenheit zwischen einem nach außen komfortablen Leben und einer lebensbedrohlichen inneren Unzufriedenheit. Alle drei Frauen werden mit Krankheit konfrontiert: Clarissa mit Richards AIDS, Virginia mit ihren eigenen Wahnvorstellungen, Laura mit der Unterleibsoperation ihrer Nachbarin, die ein Kind will und keines bekommen kann, während Laura schwanger ist. In allen drei Geschichten werden Feiern vorbereitet: Virginia erwartet ihre Schwester und deren Kinder; die Haushälterinnen bereiten Pasteten u.a. vor. Laura backt mit ihrem Sohn einen Kuchen zum Geburtstag ihres Mannes. Clarissa bereitet ein Fest für Richard vor. All diese Vorbereitungen scheitern: Lauras erster Kuchen misslingt, Clarissa bricht während eines Besuchs des Ex-Freundes des homosexuellen Richard bei der Vorbereitung des Essens zusammen. Virginia kann es kaum ertragen, als sie sieht, wie die Haushälterinnen das Fleisch anlässlich des bevorstehenden Besuchs der Schwester zubereiten.

Daldry zieht diese Verbindungslinien aber weniger in einen direkten Vergleich der drei Frauen. Clarissa, Virginia und Laura eint viel, aber sie sind trotzdem völlig unterschiedliche Charaktere. Der tiefere Sinn des Films erschließt sich über einen Satz, den Laura im Alter an einer Stelle des Films sagt: Das entscheidende im Leben sei, was man ertragen und was man nicht mehr ertragen kann. Laura hatte nach der Geburt ihrer Tochter die Familie verlassen, war einfach in einen Bus gestiegen und nach Kanada ausgewandert. Virginia flüchtet aus dem Haus auf dem Land und verlangt von Leonard, endlich wieder nach London zurückzukehren. Clarissa muss dem Tod im wahrsten Sinn des Wortes ins Auge sehen, bevor sie zu einer Entscheidung gegen ihre Seelenqualen finden kann.

Liebe und Tod sind zentrale Momente von „The Hours“. Die Stunden des Unerträglichen, das sind die Stunden, in denen alle drei Frauen durch äußere Umstände oder andere dazu veranlasst wurden, ein Leben zu führen, das sie letztlich selbst nicht wünschen. Warum tun sie es trotzdem? Weil diese Stunden auch die des Unbewussten, der Unklarheit darüber sind, wie ihr Leben aussehen könnte, damit sie Stunden des Glücks empfinden können. Virginias Roman steht sozusagen als fiktives „Begleitbuch“, das gerade im Entstehen ist, als Protokoll des Leides und nicht gelebter Leidenschaften über den drei Frauen; es verbindet ihr Schicksal, während Virginia daran schreibt. Die Zeitebenen (20er, 50er Jahre, 2001) verschwimmen, werden unbedeutend. Manchmal wirkt der Film, als würde eine “invisible hand” das Schicksal der Frauen verknüpfen. Doch die drei Frauen eint nicht nur viel. Der Gedanke an Selbstmord hat durchaus unterschiedliche Motive. Laura denkt daran aus Verzweiflung, Virginia kann mit ihren Wahnvorstellungen nicht mehr leben und geht ins Wasser. Richard kann seine Krankheit nicht mehr ertragen und stürzt sich aus dem Fenster. Clarissa glaubt bis zum Schluss, Richard, den sie mütterlich umsorgt, retten zu können. Sie will nicht wahrhaben, dass Richard dem Tod geweiht ist.

Aber noch von anderem erzählt „The Hours“ – von Entscheidungen für das eigene Leben, die man nur selbst treffen kann, Entscheidungen, mit denen man selbst einen Akt der Befreiung aus dem Unerträglichen vollzieht, die jedoch zugleich für andere ein Akt der Verzweiflung bedeuten können. Damit kommt die Frage der Schuld ins Spiel: Verantwortung für sich selbst kann Schuld gegenüber anderen bedeuten. Bei Laura wird dies am deutlichsten, als sie ihre Familie verlässt. Schon zu Anfang des Films sieht man Virginia – Nicole Kidman in einer bedrückenden, großartigen Szene – ins Wasser gehen. Sie watet, erhobenen Hauptes, langsam in den Fluss, taucht unter, verliert ihre Schuhe, treibt unter Wasser in den Tod. Sie hinterlässt einen Mann, der sie liebte und den sie liebte. In ihrem Abschiedsbrief schreibt sie Leonard über die Stunden des Glücks zwischen beiden, die ewig dauern würden, die nichts zerstören könnte, nicht einmal der Tod. Doch der Tod sei notwendig, nicht nur in ihrem Roman, in dem ihrer Meinung nach jemand sterben muss, damit die anderen wieder leben können und wissen, was es heißt zu leben. Clarissa, die zusehen muss, wie Richard sich aus dem Fenster stürzt, kann die Unerträglichkeit ihres Lebens erst jetzt abschütteln.

„The Hours“ ist ein großes Melodrama des Jahres 2002, ein bedrückender, tiefsinniger, nie lehrhafter, erzählender, zeitloser Film über Liebe, Tod, Verantwortung und Schuld, ein modernes „klassisches“ Drama, das jedoch nicht in depressive Endzeitstimmungen verfällt, sondern – ohne dass dies pathetisch gemeint sein soll – wirklich dem Leben und der Liebe gewidmet ist, so sehr der Tod in das Leben der Figuren auch einbricht. „The Hours“ ist ein unausgesprochenes Plädoyer für die Freiheit und gegen strukturelle Zwänge und Konventionen, die Menschen oft davon abhalten, ihr Leben so zu führen, wie sie es innerlich wünschen. Der Film ist trotzdem nicht unrealistisch, weil er die unabdingbare Verknüpfung zwischen Entscheidungen für das eigene Leben und den damit verbundenen Folgen für das Leben anderer thematisiert.

Wenn ein Film solche universellen Fragen, die sich ein Jeder von uns mehrmals in Leben stellen muss, auf solch eine intellektuell ansprechende Weise in uns wachrufen kann, dann ist das für mich der Beweis das Filme mehr sein können als pure Unterhaltung. Das sind für mich Meisterwerke filmischer Kunst. Dieser Film wird nicht für Jedermann sein, aber schaut man ihn alleine und lässt sich ganz auf ihn ein, dann ist er zweifelsohne einer der Besten der Filmgeschichte, vor allem weil alle Darsteller über sich hinauswachsen und jeder seine größten Leistungen ihrer Karriere abliefern. Zudem der perfekte Score, der einen auch Stunden denach noch die einzelnen Szenen immer wieder auf schmerzlich-schöne Weise hervorruft. Ganz großes Kino, welches gerade auch durch die perfekte Montage der 3 Hauptstränge erlangt wird: Jede für sich übt eine enorme Kraft aus, aber kommulierend treffen diese Mitten ins Herz trifft und stellt universelle Fragen an Jeden von uns, denn wer stand nicht schon vor Entscheidungen, die das eigene Leben auf ewiglich verändert haben bzw. bereut einige Entscheidungen seines Lebens zutiefst? Diese Wunden werden bei den Meisten wieder aufgerissen werden, doch bei mir war es bisher immer so, dass dies eher eine heilsame Wirkung hatte, denn “The Hours” schafft es diese auf wundersame Weise wieder zu schliessen. Mehr kann wohl ein Film nicht leisten, so dass er zu meinen 5 Filmen gehört, den ich zugeneigt bin meine Höchstwertung zu geben. Stephen Daldry hat ein echtes Mammutwerk geschaffen, welches in jede Bestenlisteund in jedes Herz gehört. Das “The Hours” mit “nur” einem Oscar ausgezeichnet wurde ist für mich daher eines der größten Fehlentscheidungen der Academy, vor allem bei Julianne Moore, die im selben Jahr mit “Far from Heaven” hier ihre Rolle des Lebens gibt, ist sträflich übergangen worden. Dieser Schmerz wird ebenso wenig vergehen, wie der dass The Hours eigentlich mit Oscars für Film, Drehbuch und die Filmmusik von Philip Glass hätte gekrönt werden sollen und stattdessen das Musical CHICAGO mit 6 Preisen nach Hause ging!

Oscar:

Beste Hauptdarstellerin (Nicole Kidman)

Nominiert für 8 weitere Oscars:

Bester Film
Beste Regie (Stephan Daldry)
Beste Nebendarstellerin (Julianne Moore)
Bester Nebendarsteller (Ed Harris)
Bestes adaptiertes Drehbuch (David Hare)
Beste Filmmusik (Philip Glass)
Bester Schnitt
Beste Ausstattung

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  • also wenn Patrick mal ins Schreiben kommt, dann aber mal so richtig! :)) Toller Artikel! "The Hours" ist wahrlich ein Meisterwerk. Habe allerdings lange gebraucht, bis ich mich letztlich zum anschauen durchdringen konnte.