Les Misérables

Les Miz

Alle Anzeichen standen auf Oscarfavorit. Diesen Status hat die Musicalverfilmung durch die zum Teil doch recht harschen Kritiken einbüßen müssen, doch trotz einiger (kleinen) Schwächen ist „Les Misérables“ ein guter Film geworden, vor allem aufgrund wegen seiner überzeugenden Schauspieler und ihrer gesanglichen Begabung. Die Orientierung sich entlang der Musicaldramaturgie zu schlängeln hat dabei gute und schlechte Seiten an sich: Auf der einen Seite bietet der Film eine unkomplizierte Möglichkeit das Musical zu entdecken oder wieder zu entdecken, andererseits funktioniert die Bühnendramaturgie auf der Leinwand nur bedingt. Das erste Drittel ist nahezu perfekt inszeniert und wird von einem grandios agierenden und für den Oscar nominierten Hugh Jackman getragen, dem seine Broadwayerfahrung hör- und spürbar zugute kommt. In der zweiten Hälfte macht sich die beschriebene Problematik der gewählten Dramaturgie bemerkbar, wenn Jean Valjeans Vergangenheit ihn einholt und er sich um die Tochter von Fantine (baldige Oscargewinnerin Anne Hathaway) kümmern muss, bleibt das innere Bedürfnis seiner Figur nur vage, um dann mit einem Zeitsprung für längere Zeit sogar vollkommen der Hauptfigur zu entziehen. Hier hätte ich mir einen tieferen Fokus auf die Beiden gewünscht, auch um eine andere Fascette von Fantine zu Gesicht zu bekommen, ist ihre Figur nur so voller Tragik vollzogen. Böse ausgedrückt könnte man behaupten, dass sich Anne Hathaway hier zum Oscar heult, doch bezogen auf ihre eher geringe Screentime und dem eher oberflächlichen Einblick in Fantines Seele, leistet sie hier wirklich sehr gute Arbeit. Zusätzlich sei noch ihr körperlichen Einsatz betont, den sie durch das Abschneiden ihrer langen Haare und einer Abmagerungskur erzielt hat.

Anstelle hier in die Tiefe der Figuren einzutauchen tritt an dieser Stelle eine junge Liebe in Zeiten der französischen Revolution zwischen der inzwischen Erwachsenen Cosette (Amanda Seyfried) und Marius (Eddie Redmayne) in den Vordergrund, die wie aus dem Nichts entsteht. Was bei Romeo & Julia gut funktioniert wirkt hier mitunter etwas befremdlich. In den Liebesreigen der Beiden mischt sich dann noch der Klagegesang „On my own“ unerwiderter Liebe von Eponine dazu, welches eines der Highlights des Stückes ist, in der Filmversion aber nur bedingt zündet. Dies liegt unter anderem an der Bühnendarstellerin Samantha Barks, die besser singt als schauspielert und kaum glaubhaft ihre Gefühle zu Marius zu übermitteln vermag. Was auf der Bühne auf der Entfernung funktioniert, kann in der Nahaufnahme kritisch werden, weil dort Gesang und mimischer Ausdruck zusammenkommt. Zudem nutzt sich an dieser Stelle auch langsam Tom Hoopers Hang zur Großaufnahme etwas ab und sorgt dafür, dass sich der Film etwas zu monoton anfühlt. Auch Helena Bonham Carter und Sasha Baron Cohen stören nach einem sehr gelungenem Einstand die Dramaturgie zunehmend. Hier wäre wohl weniger mehr gewesen. Gegenteiliges werden kritische Stimmen gegenüber Russell Crowes Gesangseinlagen entgegenbringen, fällt er stimmlich doch etwas ab. Darstellerisch weiß er dieses Manko aber fast wieder wettzumachen, macht seine Figur neben Hugh Jackmans die vielleicht größte Entwicklung im Film durch.

Der neukomponierte und zugleich oscarnominierte Song „Suddenly“ kommt im Film besonders gut zur Geltung und schafft es größtenteils die innere Motivierung Valjeans auszudrücken, sich um die kleine Cosette zu kümmern. Die große Überraschung neben Jackman und Hathaway einwandfreien Darbietungen ist eindeutig Eddie Redmayne (zuletzt in My Week with Marilyn zusehen gewesen), der es schafft nicht nur mit einer grandiosen Stimme und breiter Range zu überzeugen, sondern darstellerisch auch sehr tief in seinen Charakter blicken zu lassen. Sein „Empty chairs at empty tables“ ist neben Hathaways „I dreamed a dream“ das musikalische und schauspielerische Highlight der Musicaladaption. Gerade bei ihm macht es sich bezahlt, dass die Songs direkt am Set gesungen wurden. Jede Träne und jeder Ton fühlt sich echt an, als ob diese direkt aus dem Herzen kommen.

Letzten Endes liefert Les Miserables Gegnern und Fürsprechern genügend Argumente um emotional darüber zu debatieren und jeder muss für sich selbst herausfinden in welcher Gruppe man sich einordnet vermag. Außer Frage steht jedoch, dass hier ein Mammutprojekt vorliegt, welches auf produktionstechnischer Seite vollkommen überzeugen kann und diverse Oscars gewinnen wird. Vor allem die grandiose Tonarbeit möchte ich betonen, welche neben dem erstklassigen Gesang, besonders wenn ganze Chöre erklingen, vor allem die Geräuschkulisse und Klangfarbe Frankreichs im 19. Jahrhundert beeindruckend in Szene setzt. Die zum Teil sicher harsch klingenden Kritikpunkte störten meinem Filmgenuss aber nur zu kleinen Teilen; insgesamt habe ich mich doch sehr gut unterhalten gefühlt und fesseln lassen, so dass ich doch eher von einer gelungenen Musicaladaption sprechen möchte.


Großbritannien – 2012 – 2 Std. 37 Min.
Regie: Tom Hooper
mit Hugh Jackman, Anne Hathaway, Russell Crowe und Eddie Redmayne
Genre: Drama, Musical

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  • Dos Corazones

    Mit der Kritik kann ich im Grunde nur vollkommen übereinstimmen. Verdammt, warum sollte man dann überhaupt meine (noch nicht veröffentlichte) Kritik lesen?

    Samantha Banks fand ich in ihrer schon im Musical angestammten Rolle gesanglich herausragend, ihre mimischen Defizite sind mir tatsächlich gar nicht aufgefallen. Positiv überrascht hat mich Russel Crowe, dem ich diese (im Vergleich zu den anderen sicher abfallende) Stimme nie zugetraut hätte. Die Entdeckung dürfte wohl Redmayne sein, der ja wahnsinnig die Tonleiter rauf und runter singen kann – einfach toll.

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