Lincoln

Lincoln Daniel Day Lewis

Bei „Lincoln“ handelt es sich um ein dialoglastiges, aber durch die Bank exzellent gespieltes Biopic, mit hervorragender Austtattung, sehr guter Filmmusik vom Altmeister John Williams und zeigt auf beeindruckende Weise ein Stück amerikanischer Geschichte. Solche Thematiken liegen Steven Spielberg und hat mit „Lincoln“ einen ausgezeichneten Film abgeleifert, auch wenn der Film um ca. 10-15 Minuten zu lang geraten ist, aber darüber kann man getrost wegschauen. Der Filmtitel ist mitunter etwas irreführend, da er sich inhaltlich mit dem Zusatzartikel der Verfassung beschäftigt, indem es um die Abschaffung der Sklaverei geht. Mit einem Filmtitel, der „Der 13. Absatz“ heißt lockt man allerdings wohl keine Menschen ins Kino, aber davon handelt der Film. Zwar ist Lincoln die Hauptperson, aber dem Titel gemäß hätte der Film etwas mehr auf seinen Lebenslauf, vielleicht Kindheit und Jugend als Farmerssohn oder Aufstieg zum Präsidenten bis zur intensiveren Inszenierung seines Todes abgestimmt sein müssen. So ist es mehr ein Film mit primären Schwerpunkt auf einen wichtigen Teil der amerikanischen, vielleicht gar der Menschheitsgeschichte, in dem Lincoln Hauptakteuer war.

Neigt Spielberg ansonsten dazu seine Filme mit Kitsch und pathetischer Theatralik zu ertränken, hält er sich hier überraschenderweise zurück. Er stellt Lincoln weniger heldenhaft und schillernd dar, als vielmehr ruhig, besonnen und bodenständig. Ob dies der Wahrheit entspricht, es eine gelungene Darstellung der Person Lincolns ist oder ob hier doch die eine oder andere Sache fehlerhaft gezeigt wird, kann ich nicht beurteilen. Ebenso stellt sich die Frage, ob dem Film eine straffere Erzählform und ein wenig mehr filmischen Mut von Spielberg an manchen Stellen gut getan hätte oder ob die Art der Inszenierung die angemessenste Vorgehensweise bei solch einem Projekt ist. Ich persönlich fand die Szenen am Besten, in denen Sally Field aufgetaucht ist, da man an diesen Stellen mehr von der privaten Person Lincoln erfahren konnte. Daniel Day-Lewis liefert mal wieder eine bravouröse Leistung ab und verkörpert den Präsidenten intensiv, charismatisch, volksnah aber doch unnahbar, mit einer düsteren aber ehrfurchtsvollen Aura umgeben, der immer einen lockeren Spruch und eine Geschichte oder Zitat parat hat, aber dennoch fast immer ernst dabei ist – eine wirklich perfekte Wahl für die Rolle. Sein 3. Oscar dürfte ihm nicht mehr zu nehmen sein! Das Sally Field von Anne Hathaway (Les Misérables) in der Awardsaison so haushoch ausgestochen wurde, dürfte wohl an ihren 2 (teils umstrittenen) Oscargewinnen liegen, denn sie brilliert in jeder ihrer Szenen, zeigt eine enorme Bandbreite von unterschiedlichsten Emotionen und hat mit jedem Darsteller mit dem sie eine Szene teilt eine starke Leinwandpräsenz und wäre damit eine verdiente Preisträgerin.

Herz des Films ist Tommy Lee Jones, der in den besten Szenen des ganzen Films sehr überzeugend und gefühlvoll agiert. Ein zweiter Oscar wäre nicht unverdient. Joseph Gordon Levitt hat mich hier zum ersten Mal nicht begeistert, aber dies liegt wohl auch an seiner undankbaren Rolle als Lincolns Sohn. Das Drehbuch gibt ihm wenig Möglichkeit überzeugend zu agieren. Wie anfänglich beschrieben ist der Look des Films hervorragend, Schnitt, Ton und Kameraführung sind solide und hätten keiner Nominierungen bedarft. Am Ende bleibt eine gut erzählte Geschichtsstunde, die man sich getrost einmal anschauen kann. In einem immens starken Filmjahr wie diesem, sollte LINCOLN aber nur in den Darstellerkategorien und für die Ausstattung in Betracht gezogen werden. Um als „Bester Film des Jahres“ ausgezeichnet zu werden, hat dann doch der große erzählerische Bogen um die Person Abraham Lincoln und die emotionale Tiefe gefehlt, die ich mir ein wenig mehr erhofft hatte, auch wenn ich es sehr positiv finde, dass hier keine Glorifizierung eines Mannes stattgefunden hat.

Wertung75

USA – 2012 – 2 Std. 30 Min.
Regie: Steven Spielberg
mit Daniel Day-Lewis, Sally Field, Tommy Lee Jones, James Spader und David Strathairn
Genre: Biografie, Drama

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  • Johannes

    schön geschrieben, Paddy! Von mir gibts für "Lincoln" maximal 7/10 – mit dem Film konnte ich mich nicht recht anfreunden. Bis auf Day-Lewis und Sally Field, war ich nicht gerade begeistert. Auch Tommy Lee Jones find ich massivst überbewertet. Viel aussetzen kann man am ganzen Film nicht aber er kommt bei mir nicht über "gutes, solides Handwerk" hinaus. Ich bezweifle sogar, dass er auch nur irgendwie in die Nähe meiner Top 10 Wertung des Jahres kommt.

    • Patricks

      Sally Field war für mich eine echte Überraschung, hätte sie noch keinen oder nur einen Oscar hätte sich Hathaway war warm anziehen müssen. Wie gesagt sehr gute Darstellung, aber ich habe auf eine Offenbarung gewartet (wie in Rachel getting married – was war sie da nicht genial!), aber Pustekuchen. Ihr Charakter war von Anfang an ganz unten, hat 20 Minuten in einer Tour gelitten und geblärt, um dann abzudanken. Nur die Schlussszene wertet dieses Bild ein wneig auf, aber ich möchte nicht zuviel verraten! Auf Helen Hunt bin ich noch gespannt, ich bin ja einer der wenigen, der gut mit ihrem Oscargewinn für "Besser gehts nicht!" leben kann. Klar hätte Judi den verdient gehabt, aber es gibt einige Killerszenen von Hunt, in denen sie absolut oscarwürdig ist und für eine Komödie zu gewinnen, ist deutlich schwieriger und ich liebe Carol die Kellnerin als Figur. Stehe ich auch zu! Jacki Weaver hat das Beste aus der undankbaren Rolle herausgeholt, daher Nominierung in Ordnung, wenngleich natürlich andere Damen vielleicht eher in Betracht gezogen hätten werden sollen. Zu Amy Adams kann ich noch nichts sagen: The Master läuft ja offiziel noch nicht, daher leider noch nicht gesehen. Auf den freue ich mich wie Bolle, aber ich schweife ab! ^^

      • Johannes

        "Besser gehts nicht" hat jeden einzelnen Oscar absolut verdient! Ich liebe diesen Film 🙂 Einzig allein um Greg Kinnear hat es mir ein wenig Leid getan. Allerdings hatte dieser auch Robin Williams ("Good Will Hunting") & Burt Reynolds ("Boogie Nights") als mehr oder weniger übermächtige Konkurrenz 😉

        • Johannes

          generell muss man sagen, dass das Kinojahr 1997 ein ganz ein großes war: Titanic, Besser gehts nicht, Ganz oder gar nicht, Good Will Hunting, LA Confidential, Wag the Dog, Mrs Brown, Jackie Brown, Amistad, Boogie Nights waren schon tolle Filme 🙂

          • Patrick

            Definitiv! Für mich ist und bleibt Besser gehts nicht! auch eine der besten Komödien ALLER Zeiten! Da stimmt einfach alles von vorne bis hinten! Gucke ich immer wieder gerne! Helen war großartig, Punkt! 😉 Ganz oder gar nicht fand ich jetzt nur mässig, den Spot hätte Boggie Nights verdient gehabt und Julianne Moore den Oscar, auch wenn ich L.A. Confidental mag. Ach ja Jackie Brown, mein liebster Tarantino. Vielleicht nicht der Beste, aber den schaue ich einfach am Liebsten. Samuel L. Jackson, Pam Grier, Robert DeNiro (in seiner letzten geilen Rolle bis Silver Linings), Bridget Fonda und Robert Foster – alle toll und der Film hat ungewohnten Tiefgang für einen Tarantino! Und die Filmmusik, nur geil! 🙂

          • kaik

            Besser gehts nicht = 10/10….wie der Titel schon sagt…für mich ein Meisterwerk.

          • Patrick

            Ein komödiantisches Meisterwerk, sehe ich auch so. Ihr haut aber auch hohe Wertungen raus, holla! Aber auch wen es ungewöhnlich für mich ist, zwischen 8,5 oder 9/10 würde ich auch geben. Wie gesagt 10/10 für mich nur Pate 1 und 2, American Beauty und vielleicht The Hours, weil ich 9,5/10 dann doch irgendwie albern finde. Selbst Network, Social Network, Alles über Eva, Sunset Boulevard, Brokeback Mountain, Die zwölf Geschworenen, A Single Man, Das Fenster zum Hof, Psycho und Vertigo sind bei mir nur um 9/10 Bereich, aber das muss ja jeder selbst wissen. Ic sehe aber auch 7/10 als gute Wertung an. 7,5/10 ist nahe an der Perfektion, ab 8/10 gehen die Meiterwerke los, bei denen alles passt, darüber muss der Mehrgehalt stimmen.

  • Heiko_S

    Hey Paddy, gemäß Deiner (traditionell) niedrigeren Bewertungsskala siehst Du "Lincoln" ja sogar fast noch ein Stückchen besser an als ich, und ich hatte den mit meinen 8/10 eigentlich schon über den grünen Klee gelobt. 😉
    Ich fand ihn auch unglaublich gut in Szene gesetzt, stellenweise extrem spannend und das obwohl eigentlich "nur" geredet wird. Insofern widerspreche ich Dir hier in einem Punkt; Spielberg liefert hier exzellente Arbeit, ein weiterer Oscar wäre daher auch nicht mal unverdient. Obwohl ich natürlich auch ganz klar sagen muss, dass er an Haneke oder Affleck nicht heran reicht. Und ich hätte ihn nicht nur 15 Min, sondern evtl. sogar 30 Min. gekürzt (gerade am Anfang und im Mittelteil hätte man da ruhig noch etwas straffen können)

    Ansonsten ist an dem Film aber wirklich absolut nichts auszusetzen, Acting, Ausstattung, Bild, Ton,… alles perfekt!

    • Patrick

      Vergiss es, den bekommt Ang Lee, wobei ich überlege von Haneke auf Spielberg umzuswitchen als Zweittipp. Die 12 Oscarnominierungen können dahinmünden. Die beste Regiearbeit des Jahres war es aber nicht. Ich war auch zwischen 7 bis 7,5 am knobeln, weil ich Les Miz trotz genannter Schwächen packender fand. Glaube Flight habe ich mit 7,5 auch minimal zuviel bewertet. In dieser Saison waren für mich bisher Argo (8,5/10), Perks of being a Wallflower (Ansehen!!! 8,5/10) und Life of Pi (8/10) am Stärksten! ich habe aber massig 7,5er dabei. Rotz ist mir bisher noch nicht untergekommen, mal sehen ob Amour und Beasts of the Southern Wild auch die 8/10 knacken können!