Kontroverse Filme in der Diskussion (2): Shortbus

Shortbus

In einer Zeit in der in unserer Medienlandschaft alles übersexualisiert wird, wirkt es fast schon grotesk, dass uns ein Film wie „Shortbus“ aus dem Jahre 2006 aufgezeigt hat, wie hochgradig prüde unsere Gesellschaft noch immer ist und dies im Grunde nur weil dort echter Geschlechtsverkehr praktiziert wurde. Drüber reden und sich sexuell inszenieren tun die Meisten, doch wo es explizit wird, stößt es auf. Unsere Sexualität wird vor allem im stillen Kämmerlein thematisiert und praktiziert. Sexuelle Wünsche und Begierden in Partnerschaften werden aber nach wie vor nicht offen oder miteinander diskutiert. Wahrscheinlich wirkt „Shortbus“ deswegen so erfrischend: Er zeigt die Sexualität seiner Charaktere offen, unverhüllt und echt, sowie das diesjährige lesbische Drama „Blau ist eine warme Farbe“ mit seiner vieldiskutierten expliziten 7-minütigen Sexszene. „Shortbus“ steht mit seinem durch die Gegend schießendem Ejakulat, sowie diversen erregten Geschlechtsteilen und Brüsten in nichts nach.

Letztendlich geht es bei „Shortbus“ thematisch um die Befreiung der Figuren von ihrer eigenen Begrenztheit, indem sie ihre eigene Freiheit über den Tellerrand der gesellschaftlichen Prüderie hinaus ausleben. So gesehen ist der Film ein interessantes Statement darüber, wie sehr wir unsere Sexualität unseren Alltag bestimmen lassen, indem wir sie totschweigen.

Zugegeben die Charaktere sind stereotyp angelegt: Da haben wir zum einen eine Paartherapeutin (bezaubernd gespielt von Sook-Yin Lee), die noch nie einen Orgasmus hatte, ein schwules Pärchen, dass tiefsitzende Probleme hat, außerdem eine junge Domina, die noch nie eine Beziehung hatte und unter ihrem Namen Jennifer Aniston leidet. Außerdem noch so einige andere denkwürdige Gestalten, die allesamt das Herz aber am rechten Fleck besitzen und durch ihre natürliche Art zu spielen lebensecht wirken. Jede dargestellte sexuelle Handlung unterstützt die Geschichte und die Figuren oder wird extra überzeichnet, um zu zeigen, wieviel Humor eigentlich im Sexualleben steckt. Mir hat der Film gut gefallen, auch wenn es für mich nicht DER sexuelle Befreiungsschlag wie erhofft ist, da ich selbst sehr offen mit meinen sexuellen Begierden umgehe. „Shortbus“ trägt jedoch definitiv dazu bei ein Tabuthema gesellschaftsfähiger zu machen und dafür zolle ich dem Werk von John Cameron Mitchell (Hedwig and the angry Inch) respekt, auch wenn der Mittelteil etwas schleppend geraten ist. Pluspunkte möchte ich dagegen für den guten Soundtrack und die interessanten Kamerafahrten durch das animierte New York aus einer Mischung aus CGI und Pappe geben, sowie der Zeigefreudigkeit der Darstellerriege. Dazu gehört schon eine Menge Mut.


USA – 2006 – 1 Std. 41 Min.
Regie: John Cameron Mitchell
mit Jay Brannan & Sook-Yin Lee
Genre: Drama / Komödie

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  • Ich bin vor einigen Jahren mal auf den Film gestoßen, weil er als kleiner Skandalfilm gehalten wurde – das macht ja meistens neugierig.
    Mir hatte er damals ziemlich gut gefallen, insbesondere die Übergänge durch das animierte New York, so seltsam, aber wunderbar, sah der Big Apple noch nie aus.

  • Paul

    Ein für mich wichtiges Werk, dass zu einem offeneren Umgang mit der eigenen Sexualität beiträgt. Anfangs noch etwas verstörend, stößt einem nach nur ein paar Szenen die Offenheit mit der die Darsteller agieren, nicht mehr sonderlich sauer auf. Sollte man mal gesehen haben und Paul Dawson hat sogar einen Darstellerpreis für seinen zerrissenen, depressiven Charakter erhalten.