Birdman

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Früher war er eine Berühmtheit, heute hingegen ist er fast gänzlich in der Versenkung verschwunden. Riggan Thomson (famos dargeboten von Oscarfavorit Michael Keaton), der einstige Darsteller des Superhelden Birdman, kämpft sich mittlerweile durch finanzielle und persönliche Krisen. Seine letzte Chance für seine Karriere sieht er in einer Theateraufführung einer Broadway-Adaption. Bei den Proben gerät der Schauspieler in alle möglichen Konflikte, sei es mit seinem schwierigen Darstellerkollegen (Edward Norton) oder mit seiner Tochter (Emma Stone), um sein Privatleben, seine Karriere und nicht zu vergessen seine mentale Gesundheit zu retten, die ebenfalls angekratzt zu sein scheint…

„Birdman“ ist rein inszenatorisch eine absolute Revolution. Für sein Vorhaben, den gesamten Streifen wie in einer Einstellung gefilmt wirken zu lassen, konnte sich Iñárritu den letztjährigen Oscarpreisträger Emmanuel Lubezki (Gravity) sichern, der hier abermals den Goldjungen mit nach Hause nehmen dürfte. Auch wenn solch ein Vorgehen nicht komplett neu ist (“Rope” von Hitchcock fällt einem beispielsweise gleich dazu ein), hebt Iñárritu seinen inszenatorischer Fluss auf ein neues Level. Der Regisseur führt den Zuschauer ohne sichtbare Schnitte und nur mit Kamerabewegungen- und perspektiven durch verschiedene Schauplätze, Handlungsstränge und sogar Zeit- sowie Realitätsebenen. Unterlegt mit einem Jazz-Drum-Score, der auf der einen Seite beunruhigt, auf der anderen Seite aber fasziniert.
Trotzdem darf man “Birdman” nicht als bloßen Technikblender abtun, bei dem die überwältigende Umsetzung inhaltliche Unzulänglichkeiten kaschiert. “Birdman” ist im Kern ein aufrührendes, tragisches Charakterstück, in dem die Seele eines gescheiterten, vom unendlichen Drang nach Ruhm und Anerkennung strebenden Mannes ergründet wird. Fast schon beiläufig wird hier allerdings nicht nur die Figur des Riggan Thomson in den Mittelpunkt gerückt, sondern auch noch das Innenleben weiterer vielschichtiger Charaktere beleuchtet, die sich nahtlos in das weitestgehend kammerspielartige Geschehen einfügen.

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Die Besetzung von Michael Keaton als gescheiterter Schauspieler eines ehemaligen Superhelden-Franchises ist natürlich garantiert kein Zufall. Neben dieser geschickten Meta-Reflexion (Emma Stone und Edward Norton sind auch beide mehr als erfahren auf dem Big-Budget-Blockbuster-Sektor) leistet die Darsteller-Riege nichtsdestotrotz durchgehend brillante Arbeit. Michael Keaton sieht man an, dass er sich mit ganzem Herzen förmlich die Seele aus dem Leib spielt. Edward Norton als manischer, unkontrollierbarer Method-Actor mit ungeahntem Tiefgang spielt sich in alte Form zurück und die zerbrechlich agierende Emma Stone zeigt gleich in ihrer ersten Szene eine Tiefe und mimische Brillanz, die man von ihr wohl nie erwartet hätte. Da steckt anscheinend noch viel mehr in ihr, als sie es bisher zeigen konnte. Auch Zach Galifianakis war vermutlich nie besser als hier. Muss man schon mehrfach hinsehen um ihn überhaupt zu erkennen. Auch wenn Keaton alle überragt und ein würdiger Oscarpreisträger ist, möchte ich noch zwei Damen betonen, die viel zu wenig Anerkennung am Mitwirken des Films beteiligt waren: Amy Ryan und Naomi Watts. Ryan hat mich noch nie enttäuscht und zeigt hier wieder einmal, dass sie trotz der begrenzten Screen-Time zu einer der besten Darstellerinnen ihrer Zeit gehört und Watts hat sich nach den eher peinlichen Auftritten in „Diana“ und „Movie 43“ selbst rehabilitiert und hätte neben Stone eine Oscarnominierung sehr verdient gehabt.

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Alejandro González Iñárritu´s vielschichtiges Drama ist revolutionär inszeniert, überragend gespielt und inhaltlich so weitreichend, nachdenklich stimmend und bewegend, dass es hier praktisch unmöglich fällt, auch nur irgendwelche Kritik anzubringen, auch wenn er nicht jedermanns Sache sein dürfte und bei mir eine Weile brauchte um mich zu packen, er besitzt definitiv Klassiker-Potential und sollte auch die ein oder andere Trophäe in den Hauptkategorien abräumen. Eine Tendenz zu 9/10 möchte ich nicht ausschließen, dass wird dann aber eine Zweitsichtung Ende Januar (auf Deutsch) zeigen müssen, denn um “Birdman” in seiner Gesamtheit erfassen zu können, ist definitiv mehr als nur eine Sichtung notwendig!

USA 2014 - 106 Minuten Regie: Damien Chazelle Genre: Psychodrama / Musikfilm Darsteller: Miles Teller, J.K. Simmons, Paul Reiser, Melissa Benoist, Austin Stowell, Suanne Spoke, Jayson Blair, Kavita Patel, Michael Cohen, April Grace
USA 2014 – 119 Min.
Regie: Alejandro González Iñárritu  Genre: Comedy / Drama
Darsteller: Michael Keaton, Emma Stone, Edward Norton, Naomi Watts, Amy Ryan, uva.

 

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  • kaik

    War für mich schon im Original ein verdammt starker Film – aber Kunstfilm. Da werden viele nix mit anfangen können. Aber 2 – 3 Oscars dürfte er sicher haben; mehr aber auch nicht.

    Mit Naomi Watts hast du recht! Auch in St. Vincent (ein total mittelmäßiger Film, der aber hervorragend agierende Darsteller hat) war sie toll. Leider zählt das wohl nicht mehr – mehrere tolle Darstellungen in einem Jahr – siehe Jessica Chastain.

    • Patrick

      Bei uns lief er heute in der SNEAK. Erst wurde geklatscht, dann waren aber viele auch ernüchtert. Die meisten fanden ihn klasse, einige konnten damit aber auch so gar nichts anfangen. Kunst eben. Technick und darstellerisch fanden ihn aber wohl alle super.

  • Marius

    Darstellerisch war der Film auf alle Fälle das Beste, was ich seit langem gesehen habe. Naomi Watts, Emma Stone und Michael Keaton spielen einfach klasse. Am besten hat mir aber Edward Norton gefallen. Endlich mal wieder eine Hammerrolle.
    Und der fast fehlende Schnitt ist einfach faszinierend, weil es dennoch Zeitsprünge gibt, die wirklich gut umgesetzt wurden.