Regression

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Nicht zu Unrecht wird Alejandro Amenábar als einer der bedeutendsten Filmemacher der Iberischen Halbinsel gefeiert, denn seine Werke weisen stets eine klare, individuelle Handschrift auf, indem sie sich immer grundsätzlich durch eine mysteriöse, doppelbödige Inszenierung, eine ästhetisch-reduzierte Ausstattung und nicht zuletzt ein gesteigertes Interesse am Seelenleben der Protagonisten aus. “Regression”, seine inzwischen sechste und von mir besonders heiß erwartete Regieführung bildet diesbezüglich keine Ausnahme und vermag gerade dann unter die Haut zu gehen, wenn man keine konkreten Erwartungen an den psychologischen Mystery-Thriller mit überaus brisanter, okkulter Thematik stellt.

Angelehnt an ein Grundgerüst aus realistischen und deshalb besonders schockierenden Begebenheiten, beleuchtet Amenábar das Schicksal der minderjährigen Angela, die in die Fänge einer Sekte gerät und auf erniedrigendste Weise missbraucht wird, was infolgedessen polizeilich untersucht wird und einige überraschende Wendungen beinhaltet. Sofern der Zuschauer bereit ist, sich auf die düstere, nach Irritation strebende Geschichte einzulassen, baut sich vor ihm eine puzzleartige, intentioniert nüchtern gehaltene Psychostudie auf, die zwar nicht frei von Logiklöchern ist, jedoch den Pfad zur vermeintlichen Wahrheitsfindung in überaus atmosphärischer, schaurig bebilderter und vielfach symbolistischer Weise beschreitet. Unterstützt durch eine effektvolle Kameraarbeit und eine extravagante, akustische Untermalung, werden spannende Sujets wie Satanismus, Selbstbezichtigung und Traumdeutung entsponnen. Freilich könnte man Amenábar vorwerfen, dass es der dargebotenen Dramaturgie in manchen Belangen an Konsequenz und insbesondere finalem Biss mangelt, weswegen nicht das komplette Potential ausgeschöpft wurde, nichtdestotrotz erfüllt er die grundlegenden Begehren der Filmsparte, die ein weiteres Mal von den schauspielerischen Darbietungen profitiert. In erster Linie beweist Emma Watson mit ihrer nervenzerreißend intensiven Performance voller seelischem Schmerz, Scham und Introvertiertheit eindeutig, dass sie in darstellerischer Hinsicht viel mehr auf dem Kasten hat als Harry Potter beim Kampf gegen Voldemort zur Seite zu stehen und erreicht mit subtilen Gesichtsausdrücken und Gesten eine fesselnde Wirkung. Obschon ich die jeweilige Konkurrenz noch nicht kenne, hat sie mich tief beeindruckt und ist inzwischen zu einer fantastischen Akteurin herangereift, die sich ihre Figuren zu Eigen macht und hoffentlich nicht mehr allzu lange auf ihre erste Oscarnominierung warten muss. Nach “Before Midnight” und “Boyhood” mausert sich allerdings auch Ethan Hawke in der authentischen Hauptrolle des zu sehr in den Fall involvierten Detektivs langsam aber sicher zu einem Garant für fokussierte Filmauftritte, während speziell David Dencik, Peter MacNeill und David Thewlis ebenfalls sehenswerte Darbietungen offerierten.

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Zweifelsohne mag “Regression” der Perfektion nicht nahekommen und unterliegt im direkten Vergleich einem intensiven, am Suspense der alten Tage orientiertem Werk wie “The Others”, dennoch haben sich mir die nahezu einhellig negativen Kritikermeinungen nach einiger Bedenkzeit schlicht und ergreifend nicht erschlossen. Wahrscheinlich wird Amenábars aus meiner Sicht letzten Endes grundsolider Genrevertreter, der womöglich zur vollständigen Durchdringung mehrere Sichtungen erfordert, aufgrund dessen in der bevorstehenden Preissaison keine übergeordnete Rolle spielen, dennoch überwiegen die inhaltlichen und formellen Vorteile bei Weitem, sodass ein kleiner Hoffnungsfunke besteht, dass zumindest die fantastische Leistung der Hauptdarstellerin in Erinnerung bleiben könnte, denn sie ist hierin einfach zu gut, um vollkommen ignoriert zu werden.

USA / ES 2015 - 106 Minuten Regie: Alejandro Amenábar Genre: Psychothriller / Mystery Darsteller: Ethan Hawke, Emma Watson, David Dencik, David Thewlis, Devon Bostick, Dale Dickey, Aaron Ashmore, Lothaire Bluteau, Adam Butcher, Peter MacNeill
USA / ES 2015 – 106 Minuten
Regie: Alejandro Amenábar
Genre: Psychothriller / Mystery
Darsteller: Ethan Hawke, Emma Watson, David Dencik, David Thewlis, Devon Bostick, Dale Dickey, Aaron Ashmore, Lothaire Bluteau, Adam Butcher, Peter MacNeill
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  • Patrick

    Ich würde dem Film nach Deinen Worte definitiv eine Chance geben!

    Emma Watson hat mich zudem ja schon sehr in "Vielleicht lieber Morgen" (OT: The Perks of being a Wallflower) ausgesprochen gut gefallen und hätte man gut und gerne dafür nominieren können! Ethan Hawke kann sowieso wenn er will. Training Day nicht zu vergessen natürlich, sonst in Boyhood wirklich wahnsinnig gut gewesen, wenn gleich gegen J.K. Simmons natürlich kein Ankommen war!