Sicario

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Zur Abwechslung soll es in aller Kürze einmal wieder um ein vor wenigen Wochen global veröffentlichtes Werk mit tagespolitischer Thematik gehen, das mich nicht nur aufgrund der Hauptdarstellerin zu einer Sichtung anstachelte. “Sicario”, entstanden unter der Leitung des Kanadiers Villeneuve mag aktuell vielleicht nicht als einer der aussichtsreichsten Kandidaten für eine Nominierung als “Bester Film” gehandelt werden, könnte demgegenüber aber sehr wohl in gleich mehreren Nebenkategorien ganz oben mitmischen.


Bewusst nüchtern, brutal und größtenteils realitätsnah inszeniert, befasst sich “Sicario”, dessen Titel auf den Terminus für Auftragsmörder im römisch-antiken Zeitalter zurückgeht, mit dem seit Jahren unkontrollierbaren Drogengeschäft an der mexikanisch-amerikanischen Grenze. Infolge eines starken Auftakts funktioniert die Produktion durch seine verästelte Handlung bestens als actionreicher, pulsierender und logisch aufgebauter Thriller, aufgrund auffallend schwarzweißmalerischer Tendenzen jedoch deutlich weniger als politdramatische Studie. Obwohl man aus der Zuschauerperspektive – auch das geschah wohl spartenbedingt intentioniert – den Protagonisten in mancher Hinsicht fern bleibt, sorgt speziell die Gestaltung für ständige Involvierung. Erneut muss man sich fragen, was Roger Deakins eigentlich noch anstellen muss, um im dreizehnten Anlauf einen Oscar zu erhalten, denn erneut erweitert er mit seiner hypnotischen Arbeit die Grenzen dessen, was eine Kamera einzufangen imstande ist. Neben perfektem Ton und Schnitt bildet die Musik den größten Vorzug des Filmes, denn neben reduzierten Streicherstücken bestimmen vor allem die dröhnenden Klänge das Geschehen fortwährend. Dass der im letzten Jahr für seine herzerwärmenden Arrangements in “Die Entdeckung Der Unendlichkeit” zu Unrecht übergangene Jóhann Jóhannsson für einen Actionfilm komponierte, überrascht daher, unterstreicht andererseits aber auch sein hohes Maß an Variabilität. Weiterhin fesselte auch Emily Blunt in einer magnetisierenden Performance, die eindeutig offenbart, dass sie nicht nur im Komödienbereich zu überzeugen weiß. Trotz einer nuancierten, entgegen einer gewissen Passivität überaus facettenreichen und zweckerfüllenden Leistung fehlt es letzten Endes an einer alles überragenden Szene à la Jessica Chastain im ähnlich gearteten “Zero Dark Thirty”. Hingegen kann Benicio del Toro mithilfe einer knallhart gespielten Rolle als personelles Highlight des Zweistünders angesehen werden und müsste bei entsprechender Gegenliebe der Academy äußerst gute Chancen auf eine dritte Oscarnominierung in der Nebendarstellersparte haben, während Josh Brolin das Ensemble mit seiner Lässigkeit bereicherte.

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Auf handwerklicher Ebene makellos, stellt “Sicario” folglich einen sehenswerten, nervenkitzelnden Genrevertreter vom Feinsten dar, der sich überdies auf die Frage konzentriert, ob der Zweck tatsächlich immer die jeweiligen Mittel heiligt, allerdings in Bezug auf die inhaltliche Ausdifferenzierung etwas hinter den hohen Erwartungen zurückgeblieben ist. Im direkten Vergleich unterliegt er Villeneuves sich stärker für die Psyche der Protagonisten interessierenden Vorgängerwerk “Prisoners” und versäumt es gelegentlich, das gewisse Etwas zu extrahieren, was aber grundsätzlich überhaupt nichts daran ändert, dass aufgrund des Temporeichtums und der konsequenten Kompromisslosigkeit nicht nur Sympathisanten des Sujets vollends auf ihre Kosten kommen dürften.

USA / MX 2015 – 121 Minuten Regie: Dennis Villeneuve Genre: Actionthriller Darsteller: Emily Blunt, Benicio del Toro, Josh Brolin, Victor Garber, Jon Bernthal, Daniel Kaluuya, Jeffrey Donovan, Raoul Trujillo, Julio Cedillo, Hank Rogerson, Bernardo P. Saracino, Maximiliano Hernández
USA / MX 2015 – 121 Minuten
Regie: Dennis Villeneuve
Genre: Actionthriller
Darsteller: Emily Blunt, Benicio del Toro, Josh Brolin, Victor Garber, Jon Bernthal, Daniel Kaluuya, Jeffrey Donovan, Raoul Trujillo, Julio Cedillo, Hank Rogerson, Bernardo P. Saracino, Maximiliano Hernández
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4 Responses to Sicario

  1. Patrick sagt:

    Hast Du wieder ganz toll geschrieben Stefan. Nach Deinem Lobgesang auf beinahe allen Ebenen wundert mich fast dann die für Deine Verhältnisse (und das meine ich nicht bawertend) zögerliche Bewertung von 7/10. Ich schwanke derzeit zwischen 7,5-8/10 und hab meien Kritik auch schon in der Pipeline und hau sie heute noch mit 7 weiteren Filmen raus und ich bin ja bekannt für meine etwas harschere Filmbewertung.

    Gerade der Schlussakt so verdammt geil, dass man kleien Längen im Mittelteil gerne verzeiht. Bincio grandios, Blunt auch toll, Deakins Kameragott – wird nur wohl leider wieder an Lubezki scheitern, es sei denn die Academy wird sentimental, wobei dies angesichts der grandiosen Arbeit von Deakins hier wieder mal, keine Schande und hochverdient wäre! Der Score ist auch überragend, also eigentlich kann man angesichts der ganzen Mittelmaßfilme dieses Jahr ruhig mal ne 8/10 raushauen, wie ich finde oder was sagen die Anderen? 😉

    • Stefan T. sagt:

      Genau, aber eine 7/10 ist immer noch eine gute Bewertung, gerade für jemanden, der um die meisten Actionfilme einen Bogen macht. Der Beginn und der Schluss sind fantastisch, der Mittelteil ist aber etwas zäh geraten, was einen weiteren, in der Rezension nicht mal genannten Kritikpunkt darstellt. Musik, Kamera, Schnitt, Ton und Benicio del Toro werden wohl nominiert werden.

  2. kaik sagt:

    Ein wirklich toller Film – del Toros Darstellung hat mich richtig gefreut.

    Super geschrieben Stefan, hättest aber 8 geben können 😛

  3. Patrick sagt:

    An 5 Nominierungen glaube ich leider nicht! Kamera ja, danach wirds eng, aber delToro und Ton könnte sein, Score und Schnitt wären toll, Film bei bis zu 10 Slots ebenso – aber ich glaube an 1 bis max 3 Nennungen!

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