The Party

Vor inzwischen exakt 25 Jahren wurde Sally Potter in Gestalt ihres historischen Filmdramas “Orlando” als seinerzeit erst zweite Frau überhaupt für eine Oscarnennung in der Regiesparte gehandelt, hatte jedoch bekanntermaßen das Nachsehen. Seither veröffentlicht die Britin im ungefähren Vierjahresrhythmus zumeist für ein anspruchsvolleres Publikum bestimmte Produktionen mit geringem Budget, die allerdings vermehrt mit namhaften Schauspielern besetzt werden konnten. Dieser Präferenz bleibt Potter mit “The Party” auf ganzer Linie treu, der bereits auf der diesjährigen Berlinale uraufgeführt wurde. Nach der Sichtung des als “Komödie im Schlafrock einer Tragödie” zu kennzeichnendes Werkes zogen viele Kritiker Parallelen zum meisterhaften, ebenfalls vollständig in Schwarzweiß gedrehten Kammerspiel “Wer Hat Angst Vor Virginia Woolf?” oder aber zu Polanskis “Der Gott Des Gemetzels”, welcher wiederum über eine ähnlich kurze Laufzeit verfügt. Mit den Genannten kann “The Party” im Hinblick auf die inhaltliche Güte zwar nicht konkurrieren, dennoch wird darin ein absolut vergnüglicher, erfrischender und in vielen Belangen makabrer Schlagabtausch entfaltet.

Erstaunlicherweise basiert Sally Potters nunmehr achte Tätigkeit als Spielfilmregisseurin aber nicht auf einem vor Theaterpublikum erprobten Stück, sondern auf einem konsequent inszenierten und sich des Mittels der Reduktion bedienenden Originaldrehbuch, in dessen Mitte die zur Ministerin ernannte und zur privaten Feierlichkeit ladende Janet steht. Innerhalb von nur 71 Minuten gelingt es, komplexe Sujets wie Feminismus, Rachegedanken, Leihmutterschaft, homöopathische Methoden und Ehebruch, aber auch augenscheinliche Kritik an der aktuellen Gesundheitspolitik des Vereinten Königreichs zu üben, ohne den Zuschauer diesbezüglich in eine bestimmte Richtung zu drängen. Anders als in den beiden vorgenannten Kammerspielen führt jedoch nicht übermäßiger Alkoholkonsum zur vollständigen Demaskierung der Anwesenden, sondern ein tiefschürfendes, eigendynamisch wirkendes Geständnis. Dass in dem von Handkamera eingefangenen Sieben-Personen-Stück eine um Diplomatie und Selbstbeherrschung ringende Gastgeberin auf eine zynische Realistin, einen Esoteriker, eine überemotionale Schwangere und einen eigensüchtigen Banker trifft, mag sicherlich dem ein oder anderen Zuschauer gelegentlich als zu gewollt anmuten, tritt jedoch letztlich perfekt den Nerv einer Satire. Interessanterweise wird die zunächst absolut anonymisierte Personenkonstellation erst nach und nach mit Geduld und einem bravourösen Gespür für Timing entschleiert, während sich der zugrunde liegende Konfliktauslöser um eine Person dreht, die gar nicht in Erscheinung tritt. Entgegen des enormen Unterhaltungscharakters, der menschliche Motive wie Eifersucht, Sarkasmus und Engstirnigkeit im Schlussakt geradezu zelebriert, hätte der Handlung jedoch ein Hauch an inhaltlicher Tiefe gut zu Gesicht gestanden. Ummantelt von delikaten, scharfzüngigen und die gegenseitige Heuchelei der Partygäste schrittweise bloßstellenden Dialogen, vertraut Potter den engagierten, erfahrenen Darstellern voll und ganz, was sich als uneingeschränkter Glücksfall erweist. In der derzeitigen Saison durfte man zweifelsohne noch kein vergleichbares, derart geschlossen agierendes und mit spürbarer Leidenschaft auftretendes Ensemble erleben. Die unglücklicherweise erst ein einziges Mal für einen Oscar nominierte Kristin Scott Thomas entbietet eine überragende Vorstellung, die insbesondere im Hinblick auf den offerierten Facettenreichtum ihresgleichen sucht. Neben dem nicht von ungefähr zu den profiliertesten, deutschsprachigen Darstellern zählenden Bruno Ganz in der Rolle des spirituellen Ruhepols, liefert auch Patricia Clarkson eine beeindruckende, dauerpräsente Performance voll von glaubhafter Frustration, während Timothy Spall, Cherry Jones und Cillian Murphy besonders in der zweiten Hälfte auftrumpfen können.

Trotz seiner Komprimiertheit stellt “The Party” eine willkommene, schwarzhumorige Genremischung und eine Persiflage auf die Werte der höheren Gesellschaft dar, deren wunderbar doppeldeutiger Titel weitaus mehr hält als er auf den ersten Blick versprechen dürfte. Der darüber hinaus entscheidend von den gewählten Vinyl-Musikstücken beeinflusste Film würde schätzungsweise auch auf der Theaterbühne bestens funktionieren und bietet im selben Maße Kurzweile als auch Denkanstöße, obwohl er sich fernab des allzu Mainstream-lastigen Kinos bewegt.

UK 2017 – 71 Minuten
Regie: Sally Potter
Genre: Tragikomödie / Kammerspiel
Darsteller: Kristin Scott Thomas, Timothy Spall, Patricia Clarkson, Bruno Ganz, Cherry Jones, Emily Mortimer, Cillian Murphy
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  • kaik

    Tolle Kritik, macht Lust auf deN fILM:
    Bei diesen Kammerspielen habe ich oft das Problem, dass das für mich auf der KInoleinwand nicht funktioniert.
    Ich habe “Gott des Gemetzels” im Theater gesehen, super – als Film mau. “Der Vorname” im Theater super, Film mau. “Im August in Osage County” Theater super – Film mau.

    Ich gebe der Party aber trotzdem eine Chance. Und btw. krass, Timothy Spall hat 70 KIlo runter.

    • Stefan T.

      Man hat Spall tatsächlich auf den ersten Blick überhaupt nicht erkannt, sondern erst an der markanten Mimik.

  • Patrick

    Klingt interessant. Mir geht das ähnlich wie Kai. Ich mag “Gott des Gemetzels”, “Fences” und “August: Osage Country” gerne, aber man merkt den Filmen leider schon an, dass sie für das Theater geschrieben wurden. “Wer hat Angst vor Virginia Woolf?” kann diesen Umstand irgendwie besser wegbügeln. Liegt natürlich u.a. an den gigantischen Darstellerleistungen, aber das haben eigentlich alle Filme. Weiß nicht ob es am Klassikerbonus liegt oder an der Inszenierung von “Virginia Woolf”, aber irgendwas meisterhaftes umgibt den Film.

    • Stefan T.

      Und genau das ist im Falle von “The Party” ja nicht der Fall, da es keine Theateradaption ist…