Schloss aus Glas (OT: The Glass Castle)

Seit gestern sind die Kandidaten der diesjährigen Golden Globes nunmehr allen begierigen Filmfans offenbart worden und sorgten für mehrere Überraschungen. Rückblickend und mit gewissem zeitlichem Vorlauf betrachtet, hätten viele sicherlich auch eine Produktion auf dem sinnbildlichen Nominierungszettel verortet, welche hierzulande bis dato immerhin 100.000 Zuschauer in Programmkinos zu locken vermochte. Nach dem von Kritikern wie auch von den meisten Kollegen unseres Forums hochgelobten, von mir persönlich jedoch nicht sonderlich geschätzten “Short Term 12” erschien vor Kurzem Crettons inzwischen dritter Spielfilm, der erneut in die häufig zu Unrecht belächelte Sparte eines Independent-Filmes fällt und sich eine gewinnbringende Vorlage zu eigen macht. Basierend auf dem autobiographischen, Kindheitserinnerungen aufgreifenden Roman von Jeannette Walls gleichen Titels, welcher bei seiner Erstpublikation vor 11 Jahren wochenlang sämtliche Beststellerlisten dominierte, bebildert eine unkonventionelle Geschichte und lehrt den geduldigen Zuschauer vor allem in nachwirkender Form, dass die Familie ein voranbringendes, häufig jedoch ebenso dysfunktionales und unauswählbares Gefüge darstellt…

Auf insgesamt vier, zeitlich nicht näher datierten Erzählebenen porträtiert Cretton in “Schloss Aus Glas” die Lebensgeschichte von Jeannette und ihrer sechsköpfigen Sippschaft, die ein nomadenhaftes, asketisches, wurzelloses Dasein fristet und über die Jahre an mehr als zwanzig verschiedenen Orten unter notdürftigsten Bedingungen fernab von Eigenheim und Schule hauste. Das Vagabundenleben wird dabei weitaus weniger von der künstlerischen Mutter als vom intelligenten, jedoch alkoholsüchtigen Vater bestimmt, das erst hinterfragt wird, als die Geschwister ihrer Volljährigkeit unaufhaltsam entgegengehen. Man mag kaum glauben, dass es sich bei der Handlung um wahre, größtenteils originalgetreue Begebenheiten handelt, denn häufig ist das Gebotene voll von hartem Realismus und tiefschürfenden Momenten, in denen man unversehens einen dicken Kloß im Hals verspürt. Psychologisch dicht und sich bezüglich der Dialogführung direkt auf die Ebene der Kinder begebend, werden gelegentlich auch warmherzig-ironische Komponenten entfaltet, nichtsdestotrotz liegt stets ein melancholischer, Sozialkritik übender Schleier über der scheinbar ziellosen, obendrein vortrefflich fotografierten Reise der Beteiligten. Bedauerlicherweise mutet speziell der Schlusspart aufgrund der konsequenten Dramaturgie eines alternativen Roadmovies als unerwarteter, Potential verschenkender Stilbruch an und driftet angesichts der skizzierten Entbehrungen allzu sehr in versöhnlich-bagatellisierende Denkmuster ab, wodurch die Laufzeit rund 20 Minuten zu ausgedehnt wirkt. Dessen ungeachtet setzt sich insbesondere die Filmmitte aus einer Vielzahl von starken Szenen zusammen, welche die Lüge als Motivationsschub charakterisieren und aufzeigen, wie schwer es fallen kann, sich von der Herkunft zu lösen. Die genannten Schwächen werden ganz besonders mithilfe der schauspielerischen Glanzleistungen ausgeglichen, denn das aus vielen Jungschauspielern bestehende Ensemble agiert überzeugend und gleichermaßen berührend. Leider sucht man vergebens auf allen derzeitigen Nominierungslisten nach den grandiosen Darbietungen, von denen Brie Larson als erwachsene, nunmehr in nobler Gesellschaft befindliche Jeannette sowie ein atemberaubend intensiv auftrumpfender Woody Harrelson in der Rolle des Familienoberhaupts im Gedächtnis bleiben. Das größte Highlight der Darstellerriege bildet allerdings ohne jeden Zweifel die zum Drehzeitpunkt erst 11-jährige Ella Anderson, die nicht nur eine zutiefst echte und zu Tränen rührende Performance liefert, sondern dem Zuschauer auch in beeindruckender Form vor Augen führt, dass es am talentiertem Nachwuchs nicht mangelt.

Mit “Little Miss Sunshine”, einem der aus meiner Sicht gelungensten Genrevertreter überhaupt, kann sich “Schloss Aus Glas” im direkten Vergleich sicherlich nicht messen, dennoch kratzt er gerade im Hinblick auf die schwierige Thematik rundum bipolare Störungen nicht nur flüchtig an der Oberfläche, sondern gleicht einer Fingerspitzengefühl beweisenden, grandios gespielte Parabel über die Bedeutung geschwisterlichen Zusammenhalts und die Wichtigkeit des Prinzips Hoffnung im Leben Heranwachsender. Es erscheint daher insgesamt betrüblich, dass diese Gedanken anregende, Emotionen evozierende Literaturverfilmung überhaupt keinen Award-Buzz generieren konnte, wofür ein weiteres Mal der frühe Kinostart ursächlich sein könnte.

USA 2017 – 128 Minuten
Regie: Destin Daniel Cretton
Genre: Biographie / Drama / Roadmovie
Darsteller: Brie Larson, Naomi Watts, Woody Harrelson, Max Greenfield, Robin Bartlett, Ella Anderson, Sarah Snook, Josh Caras, Brigette Lundy-Paine, Dominic Bogart, Joe Pingue, Sadie Sink
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  • Patrick

    Wie immer vortrefflich geschrieben, in genau der richtigen Länge. Brie Larson und Woody Harrelson hätte ich auch Oscar Buzz gewünscht, denn die zwei sind zusammen mit Ella Anderson ganz starke Anwärter auf meiner Bestenliste des Jahres. Hoffe, dass den Film noch viele sehen werden. Lohnt sich, wie bisher jeder Film von Cretton. Kommt für mich nicht ganz an die Stärken von SHORT TERM 12 heran, aber ist auch nicht weit dahinter. 8,0/10 von mir. Mehr Rollen für Brie wie diese hier bitte. Und Woody Herrelson hat ja Gott sie dank noch “Three Billboards…” im Rücken, dafür gab es jüngst erst eine Screen Actors Guild-Nominierung und hoffentlich auch seine längst überfällige 3. Nominierung!