Das Mädchen Wadjda (OT: Wadjda)

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In einem Land voller Konventionen und in dessen Kinos nicht erlaubt sind, entstand in der Zeit von 2009 bis 2012 der erste (!) Film aus Saudi-Arabien, noch dazu von einer weiblichen arabisch stämmigen Regisseurin, die mit „Das Mädchen Wadjda“ ihr Regiedebüt abgeliefert hat, welches mit größtenteils deutschem Geld finanziert wurde.

Ich muss gestehen, dass ich trotz des sehr überschwänglichen Kritikerlobs, der in Venedig begann, sich über weite Teile des Erdballs streckte und dem sich auch unser Autor Stefan in seiner Rezension enthusiastisch anschloss, sowohl auf formeller-, aber vor allem auch auf inhaltlicher Ebene eher kritisch war, ob ein Film der von einem Mädchen handelt, dass sich nichts sehnlicher wünscht als ein grünes Fahrrad zu besitzen, um mit ihrem Nachbarsjungen um die Wette fahren zu können. Zwar war ich mir sicher darin ein Akt der Rebellion vorzufinden, doch ob dieser mich dies als offener Europäer wirklich emotional mitreißen könnte oder ob dies ein überbewerteter Arthaus-Film sei, der mich langweilen würde und den nur Kritiker mögen, weil ihn diese mögen „müssen“, wagte ich zu beweifeln! Doch, was muss ich zugeben: Völlig falsch vermutet!!!

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Wadjda´s Geschichte bleibt in den Grundzügen immer noch schlicht, aber die Attribute „ungeheuer kraftvoll“ und „mitreißend“ muss man einfach anerkennend hinzufügen. Es ist ein mutiger Film, der sich mit den Konventionen (hier am Beispiel des arabischen Raums) auseinandersetzt, ohne zu sehr mit der Moralkeule zu schwingen. Das Erstaunliche ist dabei, dass das Werk spielend Nebenthemen, wie die ehelichen Problemen Wadjdas Eltern, die aufkeimenden Gefühle zum Nachbarsjungen, etc. integriert, ohne den Fokus zu verlieren. Wadjda wird von Anfang an als ein sehr aufgewecktes und starkes Mädchen charaktisiert, die sich von Konventionen nicht beirren und von ihrem Weg abbringen lässt. Dabei schafft es Regisseurin Haifaa-al Mansour Bilder zu schaffen, die direkt ins Mark treffen, ohne jemals aufgesetzt zu werden. Wie sie es geschafft hat, dass die Tränen nur so kullerten, ohne dabei eine hollywoodtypische Dramatik anzuwenden oder in Klischees abzudriften, muss besonders lobend erwähnt werden. Die einzige Figur, die am ehesten etwas dick aufgetragen wirkt ist die Schuldirektorin, die aber so gekonnt dargestellt wird, dass dies nicht weiter ins Gewicht fällt. An irgendeiner Figur mussten die Konventionen besonders verhärtet repräsentiert werden, um Gefühle wie Ungerechtigkeit darzustellen, aber auch an der gezeigt werden konnte, wie Wadjda reift und ihrer Zeit und dem eingehendem Frauenbild weit voraus ist.

Normalerweise stellt das Team von „Die Academy“ selten mehrere Kritiken von einem Film an, es sei denn sie sind besonders aktuell oder die eigene Meinung weicht immens von der Anderen ab. Nicht in dem Fall von „Das Mädchen Wadjda“, denn ich kann mich Stefans Kritik und seiner 8,5/10-Wertung nur anschließen, wollte aber selbst ein paar Worte mehr über das Werk verlieren, welches sich sofort in mein Filmherz gebrannt hat. Das schaffen in der Masse der Filme, die ich konsumiere, nicht viele. Außerdem möchte ich mich dem Grundtenor anschließen, dass es nahezu eine Schandtat ist, dass die Oscar-Jury es nicht mal geschafft hat, dieses nicht nur wichtige, sondern darstellerisch und formell auch hervorragende Erstlingswerk aus Saudi-Arabien, trotz Golden Globe- und BAFTA-Nominierung, bereits in der Vorrunde ausscheiden zu lassen! „Wadjda“ hat ein größeres Publikum verdient und wenn unsere Kritiken dazu beitragen, dass sich ein paar Menschen mehr den Film anschauen, ist unser Job dies Wert gewesen und trägt dazu bei das Bild in der Gesellschaft, durch Filme wie diese, langfristig zu verändern.

Prädikat: Absolut sehenswert!


Saudi-Arabien – 2012 – 1 Std. 38 Min.
Regie: Haifaa-Al Mansour
mit Waad Mohammed, Reem Abdullah, Sultan Al Assaf, Ahd Kamel
Genre: Drama

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  • Stefan T.

    Lange hat es gedauert! 🙂 Aber schön, dass du wir mal exakt übereinstimmen. Ein durch und durch wundervoller Film – für mich das mit großem Abstand beste, fremdsprachige Werk des Jahres! Es ist wirklich schade, dass er einen teilweise sehr fühen Kinostart hatte. Das Fehlen bei den großen Preiverleihungen muss wohl einfach dem Umstand geschuldet werden, dass zwischen der Erstveröffentlichung (Ende 2012) und der diesjährigen Oscarverleihung traurigerweise zu viel Zeit verstrichen ist…

    Die von Ahd Kamel, übrigens die einzige (!) Darstellerin mit Schauspielerfahrung, vekörperte Direktorin hat mir wiederum sehr gut gefallen und ihre Rolle ist sicherlich näher an der Realität als man zuerst denken mag. "Dick aufgetragen" ist vielleicht das falsche Wort, es ist vielleicht eher so, dass einem die Grenzen der Frauenrechte in einem solch konventionellen Land selten zuvor in dieser Dimension vor Augen geführt worden sind, wodurch dies befremdlich wirkt.