
Jonathan Larson (Andrew Garfield) arbeitet Anfang der 90er als Kellner in einem kleinen Diner in New York. Sein Traum ist es jedoch als Musical-Autor groß rauszukommen und den Broadway zu erobern. Tatsächlich arbeitet er schon seit Jahren an SUPERBIA, einer ambitionierten Science-Fiction-Geschichte. Jetzt, da sein 30. Geburtstag vor der Tür steht, fühlt er sich aber zunehmend unter Druck gesetzt, zumal sein Umfeld eigene künstlerische Ambitionen inzwischen aufgegeben hat. Seine Freundin Susan (Alexandra Shipp) sehnt sich zudem nach einem sicheren Leben und will für eine Stelle als Lehrerin umziehen, nachdem eine Verletzung ihre Tanzkarriere beinahe beendet hat. Sein bester Freund und ehemaliger Mitbewohner Michael (Robin de Jesús) tauschte seine schauspielerischen Pläne gegen eine Arbeit in der Werbung. Und dann braucht Jonathan auch noch dringend ein neues Lied für sein Stück, was ihm aber partout nicht gelingen will…
Man kann von Lin-Manuel Miranda was man will, aber er ist ein Allround-Talent und in aller Munde. Ob für sein Musical Hamilton, das auch als abgefilmte Version Erfolge feierte und in dem er die Hauptfigur verkörperte, oder die Filmadaption von In the Heights, selbst unter Nicht-Musical-Fans dürfte man inzwischen wohl mit dem Namen vertraut sein. Hinzu kommen seine Auftritte als Schauspieler, wie etwa in Mary Poppins’ Rückkehr oder sein stimmlicher Einsatz in dem Animationsabenteuer Vivo – Voller Leben. Da war es wirklich nur eine Frage der Zeit, bis er sich auch einmal an einer Regiearbeit versuchen würde. Nun liegt diese vor, in Form des Netflix-Films tick, tick… Boom!, der – wie sollte es auch anders sein? – erneut im Musicalfach angesiedelt ist.

Dieses Mal geht es mal nicht um Material, welches Miranda selbst geschrieben hat. Stattdessen handelt es sich um eine Adaption eines bereits existierenden Bühnen-Musicals. Dass er an diesem Gefallen gefunden und es als filmische Variante umsetzen wollte, überrascht dabei nicht. Nicht allein dass tick, tick… Boom! ein Musical eingängigen Songs ist, die sich schön in Szene setzen lassen, der Film ist darüber hinaus einer über Musicals an sich. Das gibt Miranda die Gelegenheit, sich quasi auf einer Meta-Ebene mit seiner Arbeit auseinanderzusetzen. Da gibt es namhafte Cameo-Auftritte aus der Branche, dazu Anspielungen und Verweise, die wohl eher für eine sehr affine und versierte Musical-Zielgruppe eingebaut wurden und bei den meisten nicht erkannt werden dürften.
Bei tick, tick… Boom! handelt es sich um das semi-autobiografische Vermächtnis von Jonathan Larson, der mit Rent, einer Geschichte um eine Gruppe junger Künstler in New York, die nicht mehr ihre Miete bezahlen können, berühmt wurde. Nebenbei bemerkt zählt es zu einem der am längsten am Broadway gespielten Musicals. Mit tick, tick… Boom! schilderte er in fiktionalisierter Form, wie es war, lange für diesen Traum kämpfen zu müssen. Wie schwierig es war, weiterhin an das Projekt zu glauben, obwohl kaum einer mehr Hoffnung machen wollte. Der Film ist damit auch eine Art der Liebeserklärung an schöpferische Arbeit und kreative Prozesse, an den unbedingten Willen, etwas zu erschaffen, mögen die Hindernisse auch noch so groß sein.

Miranda findet dafür interessante Bilder. Immer wieder hebt er die Grenze zwischen dem Leben seines Protagonisten und dessen Gedankenwelt auf. Dass in Musicals die Leute mitten im Satz anfangen zu singen und zu tanzen, gehört natürlich dazu. In solchen Werken wird die ganze Welt zu einer eigenen Bühne, die es zu erobern gilt. tick, tick… Boom! gelingt es aber noch ein wenig schöner, alles miteinander zu verbinden. Jonathan lebt einerseits in seiner eigenen Welt, in der er nicht viel von draußen mitbekommt – ein Tunnelblick, der es ihm erlaubt, trotz aller Wahrscheinlichkeit an seinem Traum festzuhalten. Gleichzeitig sehen wir, wie alles, was um ihn herum geschieht, zu einer Inspirationsquelle wird. Die Welt selbst wird zum Musical.
Das ist nicht ganz frei von Pathos und überschwänglichen Gefühlen, gerade zum Ende hin, wenn die Geschichte sehr tragisch wird. An vielen Stellen ist tick, tick… Boom! aber tatsächlich mitreißend, wenn man sich drauf einlässt, und zeigt auf, welches inszenatorische Potenzial Filme als Musical haben. Wie auch schon mein hochgeschätzter Academy-Autorenkollege Stefan kann ich für Andrew Garfield (Alles, was wir geben mussten, Boy A, Social Network) nur lobende Worte finden. Dieser begeistert als selbstvergessener und gleichzeitig egozentrischer Träumer, der alles für sein Musical tun würde. Der für seine Theater-Arbeit ausgezeichnete Schauspieler füllt mit einer umwerfenden Energie seine Rolle aus und zeigt ein überraschend großes Gesangstalent, für das alleine es sich schon lohnen würde hier einmal reinzuschauen, aber auch die anderen Darsteller, von denen besonders Robin de Jesús zu erwähnen ist, liefern ab. Im Gegensatz zu Stefan fand ich aber die ganze Produktion mitreißend, so dass ich seiner eher kritischen Kritik eine Positivere dagegenhalten möchte.

Aber nicht nur bei mir steht das Werk, welches Gratis auf Netflix abrufbar ist, hoch im Kurs. Bei den Kritikern kommt er ebenso gut an und ist nahezu auf jeder „Best Picture-Liste“ zu finde. Jüngst wurde der Film, sowie Garfield auch jeweils für den Golden Globe nominiert. Muss nichts heißen, aber spricht auch nicht gegen das Werk. Macht Euch am Besten Euer eigenes Bild. Ich für meinen Teil halte ihn für lohnenswert und drücke Andrew Garfield, sowie den Cuttern Andrew Weisblum und Myron Kerstein für die kommende Oscarverleihung schon jetzt meine Daumen, denn da sollten sie definitiv vorne mitmischen.

Regie: Lin-Manuel Miranda
Genre: Biografie / Drama / Musical
Darsteller: Andrew Garfield, Alaexandra Shipp, Robin de Jesus, Vanessa Hudgens, Joshua Henry, MJ Rodriguez, Jonathan Mrc Sherman, Ben Levi Ross, Judith Light, Bradley Whitford, Laura Benanti, Danielle Ferland, uva.