Titane

Titane - Kommunales Kino Freiburg
©Kazak Productions

Seit einem schweren Autounfall in ihrer Kindheit trägt Alexia (Agathe Rousselle) eine Metallplatte im Kopf. Diese sei völlig ungefährlich, wurde ihr damals gesagt, solange sie nicht verrutsche. Tatsächlich führt die inzwischen zu einer jungen Frau herangewachsene Alexia ein gesundes Leben ohne Einschränkungen. Dafür aber mit seltsamen Vorlieben: So fühlt sie sich zunehmend zu Objekten aus Metall hingezogen und entdeckt irgendwann auch ihre Lust am Morden. Als sie nach einer Reihe von diesen untertauchen muss, beschließt sie, die Identität eines Jungen anzunehmen, der vor Jahren verschwunden ist, und kommt auf diese Weise bei dessen Vater Vincent (Vincent Lindon) unter. Der empfängt seinen verlorenen Sohn mit offenen Armen und bietet ihm ein neues Zuhause. Doch die Herausforderungen sind groß für Alexia, die ihre wahre Identität um jeden Preis unterdrücken muss…

In den letzten Jahren haben eine Reihe von Regisseurinnen bewiesen, dass das einst fest in Männerhand befindliche Horrorgenre bei Frauen ebenfalls sehr gut aufgehoben ist und interessante Ergebnisse mit sich bringt. Bestes Beispiel Jennifer Kents Der Babadook, der gekonnt auch psychologische Elemente eingebaut hat. Dabei können sie nicht weniger hart sein als ihre männlichen Kollegen. Für Titane, dem ersten zweiten Kinofilm Ducournaus,  so viel sei man vorgewarnt, braucht man ein starkes Nervenkostüm, aber neben der expliziten Gewaltdarstellungen sorgte der Film anderweitig für Furore. Ducournau ist erst die zweite Frau, welche die Goldene Palme in Cannes erhielt. Vor ihr war das nur Jane Campion für Das Piano gelungen. Dabei ist die Geschichte um eine junge Frau, die mit dem Einsetzen einer Metallplatte einige unheimliche Veränderungen durchmacht, nicht weniger provokativ als ihr Debüt Raw. Es ist auch nicht weniger gewalttätig. Zumindest in der ersten Hälfte, wenn Alexia mehr oder weniger zufällig entdeckt, dass so ein Mord richtig viel Befriedigung verschafft, nutzt sie die unterschiedlichsten Gelegenheiten, um dieser Lust nachzugehen. Dabei spielt es nicht einmal eine Rolle, wen es trifft. Was anfangs noch als Kommentar zu #MeToo durchgehen würde, wenn Frauen zu Objekten reduziert werden, wird zu einem wahllosen, wenn auch erschreckend faszinierendem Blutrausch.

TITANE/チタン」(2021)映画レビュー | CINEMA MODE
©Kazak Productions

Ducournau erzählt von der mörderischen Odyssee mit Lust an den Bildern, einer Vorliebe fürs Groteske und teilweise mit schwarzem Humor. Nach einem recht wilden Ritt wird es in der zweiten Hälfte jedoch deutlich ruhiger. Nicht die Exzesse von Alexia bestimmen das Geschehen, sondern das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Ersatzvater Vincent. Für ein Publikum, das sich an den anfänglichen bizarren Splatterorgien erfreute, mag das enttäuschend sein. Wenn überhaupt erzeugt Titane Spannung durch die Frage, ob Alexia ihr Geheimnis bewahren kann – zumal Rayane (Lais Salameh), einer von Vincents Untergebenen bei der Feuerwehr, schnell Verdacht schöpft und das brüchige Glück bedroht. Doch das ist nur ein Nebenaspekt.

Stattdessen betreibt Ducournau ihre Dekonstruktion vermeintlich sicherer Konzepte unbeirrt weiter. Bei Titane kommt letztendlich alles auf den Prüfstand. Eine Familie, die aufgrund von Blutsverwandtschaft gebildet wird, macht einer Wahlfamilie Platz. Sexualität kann die unterschiedlichsten Formen annehmen. Die Grenzen zwischen Mensch und Objekt verschwimmen gleich in mehrfacher Hinsicht. Später wird Alexia zu Adrien, ändert ihr Geschlecht – und gleichzeitig wieder nicht. Und überhaupt: Identität wird hier nicht als unverrückbare Einheit angesehen, sondern als eine Art Kontinuum beschrieben. Alexia findet ihren Halt darin, ihr altes Selbst auseinanderzubauen und mit neuen Versatzstücken anders anzuordnen. Das klappt nicht immer alles so wie gedacht, an manchen Stellen bricht dann doch die Biologie durch oder alte Teile – darunter bei einer eigenwilligen Tanzszene, die allen Anwesenden eine Überdenkung ihrer Bilder abverlangt.

Women Film Directors — horroredits: Titane (2021), dir. Julia Ducournau
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An deren Stelle tritt aber kein neues klares Bild. Überhaupt hält sich Titane im Hinblick auf klare Aussagen zurück: Ducournau will mit ihrem Werk Fragen stellen. Antworten gibt es bei ihr wenige. Und die beschränken sich größtenteils darauf festzustellen, dass die Welt und die Menschen nicht so eindeutig sind, wie wir sie gern hätten. Das ist nicht ganz einfach zu verkaufen. Anders als der vorangegangene Goldene-Palme-Gewinner Parasite, der bei all den Grenzüberschreitungen und Wendungen recht konkret wurde, hat die französische Mischung aus Drama, Fantasy und Horror kein wirkliches Crowdpleaser-Potenzial. Vielmehr dürfte ein großer Teil des Publikums erst einmal fassungslos vor diesem eigenartigen Werk stehen, das sich seiner eigenen Eigenartigkeit erfreut und dabei doch Bezug zu unserer Lebenswirklichkeit herstellt. Ein Werk, das mal schockierend, dann wieder zärtlich, zerstörerisch und gleichzeitig heilsam ist. Ein abschreckend-aufregendes Werk, dass von pulsierenden Bildern lebt und durch herausragende Darstellungen von Agathe Rouselle, Vincent Lindon und Myriem Akheddiou besticht!

Fazit: Titane stößt das Publikum mit bizarren und brutalen Szenen vor den Kopf, zerstört nebenbei viele feststehende Konzepte wie Familie und Identität. Doch er hat auch seine zärtliche Seite, wenn auf den Trümmern unserer alten Bilder neue entstehen, denen wir selbst noch Bedeutung geben können und dürfen. Ein Werk das fasziniert und abstößt und durch seine Polarisierung seine Daseinsberechtigung erhält!

F 2021 – 108 Minuten
Regie: Julia Ducournau
Genre: Drama / Horror / Science-Fiction
Darsteller: Agathe Rousselle, Vincent Lindon, Garance Marillier, LaIs Salameh, Mara Cisse, Marin Judas, Diong-Kéba Tacu, Myriem Akheddiou, Bertrand Bonello, Céline Carrére, uva.
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