The Lady – Ein Geteiltes Herz (OT: The Lady)

The Lady 1

Ich kann vor allem eins sagen: Es ist schade, dass dieser Film nicht mehr Aufmerksamkeit erhalten hat beziehungsweise, dass er genau zwischen zwei Filmsaisons erschienen ist! Der Franzose Luc Besson, welcher u.a. bei „Léon – Der Profi“ Regie führte, hat sich der Verfilmung des Lebens einer außergewöhnlichen Frau, der burmesischen Politikerin und rechtmäßigen Friedensnobel- preisträgerin Aung San Suu Kyi, gewidmet und ihre beeindruckende Vita sehr glaubhaft und feinfühlig auf die Leinwand gebracht. Die Freiheitskämpferin und Oppositionsanführerin, die fünfzehn Jahre unter Hausarrest stand, wirkt, so schoss es mir sofort in den Kopf, wie eine auffällige Mischung aus Mahatma Gandhi und Margaret Thatcher und gerade das macht ihr Wirken derart bedeutsam und aktuell.

Dargestellt von Michelle Yeoh, bekannt aus „Die Geisha“, zeigt die Hauptdarstellerin in diesem Biopic eine hervorragende und zutiefst authentische Leistung mit unglaublicher Intensität. Sie agierte häufig zurückhaltend und fast ausschließlich mithilfe von Mimik und Gestik, was sehr gut zu der stets nach Gewaltlosigkeit und passivem Widerstand strebenden Persönlichkeit passte. Insbesondere in den Szenen, in welchen sie in den Hungerstreik getreten ist und sie ihrer Trauer freien Lauf ließ, spielte Yeoh fantastisch und zu keinem (!) Zeitpunkt übertrieben. Auch der fortwährende Antagonismus zwischen ihren politischen Überzeugungen und einem Zusammen- leben mit der Liebe ihres Lebens kam hervorragend und glaubhaft zur Geltung. Ihre Darstellung dürfte eine der wohl besten einer asiatischen Schauspielerin aller Zeiten sein und rührte mich des Öfteren zu Tränen.

Doch Yeoh ist natürlich nicht der einzige Grund, warum mir die Verfilmung überdurchschnittlich gut gefiel. Zwar strotzte das Ensemble erwartungsgemäß nicht unbedingt vor Stars, dies war aber nicht schlimm war, da die Geschichte von Aung San Suu Kyi und der Beziehung zu ihrem Ehemann den Film thematisch ausfüllte und nichts vermissen ließ. Dieser wurde von dem von mir sehr geschätzten David Thewlis verkörpert und auch er machte seine Sache sehr gut, wenn auch nicht derart überzeugend wie seine Filmfrau. Erstaunlicherweise wurde ihm eine längere Screentime zuteil als ihr selbst, was jedoch nur ein kleiner Kritikpunkt sein soll, da auch sein Wesen dazu geführt hat, dass Kyi zu dem wurde, was sie ist… Andere Darsteller, vor allem die Söhne der Politikerin sowie der Militärdiktator Burmas können ebenfalls lobend hervorgehoben werden.

Hinzu kommt eine brillante, perfekt passende und in die fremde Kultur lockende, musikalische Untermalung, welches den emotionalen Aspekt des Films stärkte. Die großartige Sade steuerte den Titelsong bei. Auch die landschaftlichen Bilder passten in das Bild eines überaus kraftvollen Biopics und wurden abgerundet von tollen Arbeiten der Kostümdesigner. Zudem erachte ich einige, inszenatorische Feinheiten als besonders gelungen, was zum Beispiel auf das Symbol der Lotusblüte innerhalb der Rahmenhandlung zutrifft.

Kritisch anzumerken ist, dass manche toll anmutende Dialoge leider nicht konsequent ausgeführt wurden, während einzelne Sequenzen etwas zu stark (vor allem in den letzten 25 Minuten) in die Länge gezogen wurden. Des Weiteren hätte ich gern noch einige weitere Details aus der Jugend der Politikerin erfahren, welche leider komplett übersprungen wurde. Andererseits kann man in zwei Stunden natürlich nicht alle Stationen abarbeiten.

Nichtsdestotrotz erfüllt “The Lady” alle Erwartungen an eine rentable Filmbiographie, denn sie vereint sowohl Wahrheit und Information als auch Signifikanz und Emotion. Aung San Suu Kyi ist ein leuchtendes Beispiel für den Widerstand gegen Unterdrückung und es war toll, einen Film zu betrachten, der dem Zuschauer dies und die schwierigen Umstände innerhalb der jüngeren Geschichte des neu gegründeten Staates Myanmar näher bringt und die Hauptperson dabei nicht heroisiert, sondern realistisch darstellt. Nun bleibt zu hoffen, dass das Land das von ihr geschaffene demokratische Fundament auch ausgestalten kann…


Frankreich – 2011 – 2 Std. 5 Min.
Regie: Luc Besson
mit Michelle Yeoh, David Thewlis, Jonathan Raggett
Genre: Drama

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  • Heiko

    Schöne Kritik, Stefan.

    Wo hast Du den Film gesehen? Bei uns ist der nirgends gelaugen (und ich habe über das ganze Jahr Ausschau gehalten). Will den nämlich auch noch sehen.

    Was mich übrigens extrem wundert, dass Yeoh bisher noch in keiner einzigen Liste diverser Preise oder Kritikerawards aufgetaucht ist. Normalerweise werden Biopics ja sämtliche Preise echt hinterhergeworfen, ist dann aber mal eine richtig richtig gute Leistung dabei (und das konnte man schon im Trailer erkennen) kräht plötzlich kein Hahn danach.
    Paddy hatte wohl wirklich recht. Asiatische Darsteller werden IMMER übergangen!

  • Patrick

    Ja, in diesem Fall hasse ich es wirklich Recht zu haben, aber Michelle Yeoh scheint dieses Jahr so gar keinen Awardbuzz zu haben. Sehr ärgerlich! Leiderhab ich den Film damals verpasst und das obwohl der sogar EINE Woche bei uns lief in einem Minisaal zu unmenschlichen Uhrzeiten.

  • Stefan T.

    "The Lady" lief bei uns als so genannter "Besonderer Film" in unserem Cineplex. Da laufen jeweils sonntags und mittwochs einmalig Filme, die keine Blockbuster sind. "Amour" und "The Artist" wären sonst in unserem Kino wohl leider auch überhaupt nicht gelaufen, wenn es diese Reihe nicht gäbe. Da gehe ich dann aber auch wirklich fast jede Woche hin, weil ich ohnehin mehr die feinfühligen, kleineren Filme mag und nicht nur das, was die Mehrheit schaut! Und "The Lady" hat mir tatsächlich bestens gefallen. Ich vermute, Yeoh taucht nirgends auf, weil der Film bereits Ende 2011 erschienen ist. Es ist wirklich schade, da ihre Leistung in meinen Augen tatsächlich nominierungswürdig gewese wäre, gerade wenn man bedenkt, dass ich die Darstellerinnen-Kategorien in diesem Jahr in der Gesamtheit nicht überragend finde!
    Am besten, ihr schaut ihn euch auf DVD an, denn die müsste bald veröffentlicht werden. Es lohnt sich auf jeden Fall! 🙂