Film des Monats: Doktor Schiwago (OT: Doctor Zhivago)

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Zugegebenermaßen stellt der aktuell vorherrschende Hochsommer vielleicht nicht die prädestinierte Jahreszeit für die erneute Sichtung eines generationenprägenden Klassikers wie “Doktor Schiwago” dar, der größtenteils in den eisigen Weiten des russischen Großreiches spielt, bisher in unserem Forum jedoch bedauerlicherweise noch nicht in Gestalt einer Rezension besprochen worden ist. Das exakt 50-jährige Veröffentlichungsjubiläum des unter großem Aufwand gefertigten Mammutwerkes, welches fünf Golden Globes gewinnen konnte, rund um den in Umbruchszeiten zwischen zwei Frauen stehenden Arztes Jurij, bietet nun endgültig den perfekten Anlass, um David Leans Literaturverfilmung einer genaueren Betrachtung zu unterziehen…

Doktor Schiwago

Auf dem lange Zeit als unverfilmbar geltenden Spätwerk von Boris Leonidowitsch Pasternak basierend, bebildert die gleichnamige Leinwandadaption nicht nur in adäquatem Maße die dynamischste Ära der russischen Historie voll von gesellschaftlichen Umwälzungen, der vom Ende der Zarenzeit über die Novemberrevolution bis zu den weitreichenden Folgen des bolschewistischen Bürgerkrieges reicht, sondern zeichnet sich vor allem durch ein ausgezeichneten Gespür für ebenjene außergewöhnlichen Menschen aus, die darin lebten. Retrospektiv und auktorial, dabei jedoch in auffallend lyrischer Manier erzählt, involvierte man verschiedene Arten menschlicher Konflikte und strebte erst schrittweise zur Illustration einer anfänglich zaghaften, sich erst in der zweiten Filmhälfte vollends entfaltenden, bedingungslosen Liebschaft gegen alle Widerstände, wie man sie sich häufig erträumt. Den Drehbuchautoren könnte man sicherlich eine gewisse Affinität zu gewissen, historischen Vereinfachungen anlasten, die jedoch den Kontext keinesfalls verfälschen und die Intention eher vorantreiben als sie zu hemmen. Zur Originaltreue der Vorlage gesellen sich geradezu bombastische, winterliche Szenenbilder und exzellente Kostüme sowie elegisch gewählte Drehorte, die fortwährend den Eindruck erwecken, als befände man sich tatsächlich inmitten des vielfältigen, größten Staates der Erde, obwohl die Produktion in der Tat fast ausschließlich in Spanien und Finnland vonstattenging, während die inzwischen Kultstatus besitzenden Kompositionen nur als wahrgewordener Traum bezeichnet werden können, deren Hauptmotiv sich variierend wie ein roter Faden hoffnungsspendend durch den Dreistünder zieht. Neben den Hauptsparten, in denen der Film verwunderlicher Weise bei der Oscarverleihung von 1966 “The Sound Of Music” unterlag, traf die Academy meines Erachtens im Speziellen bezüglich der Darsteller eklatante Fehlentscheidungen, indem weder der kürzlich verstorbene Omar Sharif, Julie Christie, Rod Steiger noch Geraldine Chaplin für ihre fantastischen Leistungen entsprechende Würdigung fanden, sondern lediglich Tom Courteney. Die facettenreich, sensibel und stets authentisch agierende Julie Christie hatte immerhin das Glück, die Trophäe im selben Jahr für “Darling” entgegennehmen zu dürfen, während der Hauptdarsteller trotz des Golden-Globe-Gewinns für seine präsente und abwechslungsreiche Karrierebestleistung unverständlicher Weise völlig leer ausging. Abgerundet wird das profilierte, harmonierende Ensemble von sehenswerten Nebendarstellern wie Alec Guinness und Ralph Richardson sowie einem Auftritt von Klaus Kinski, der mithilfe einer einzigen Szene im Gedächtnis zu bleiben vermochte.

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Trotz der immensen Laufzeit ist in Summe konsequent gelungen, ein psychologisch dichtes, spannendes und zu Recht mit fünf Oscars ausgezeichnetes Epos zu kreieren, den man sich nur mit Mühe entziehen kann, sofern man bereit ist, sich trotz der anspruchsvollen, politischen Dimension vollends darauf einzulassen. Im besten Sinne klassisch-kitschig und ausgewogen zwischen historischem Zeitdokument, nachfühlbarem Liebesdrama und reduzierter Abenteuerlichkeit pendelnd, hat “Doktor Schiwago” auch nach einem halben Jahrhundert nichts von seinem fesselnden und bezüglich der Intention zeitlosen Charakter verloren. Zwar mag der Publikumserfolg in letzter Instanz nicht an die vollumfänglich bahnbrechende und unerreichbare Qualität von “Vom Winde Verweht” heranreichen, was jedoch keinesfalls etwas daran ändert, dass Leans drittletztes Opus‘ für mich nach “Der Löwe Im Winter” und “Wer Hat Angst Vor Virginia Woolf?” zu den besten Produktionen der 60er gehört.

USA 1965 – 197 Minuten Regie: David Lean Genre: Liebesdrama / Historienfilm Darsteller: Omar Sharif, Julie Christie, Sir Alec Guinness, Geraldine Chaplin, Rod Steiger, Ralph Richardson, Siobhán McKenna, Klaus Kinski, Tom Courtenay, Gérard Tichy, Rita Tushingham
USA 1965 – 197 Minuten
Regie: David Lean
Genre: Liebesdrama / Historienfilm
Darsteller: Omar Sharif, Julie Christie, Sir Alec Guinness, Geraldine Chaplin, Rod Steiger, Ralph Richardson, Siobhán McKenna, Klaus Kinski, Tom Courtenay, Gérard Tichy, Rita Tushingham
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  • Patrick

    Sehr anschaulich geschrieben. Ich gebe Dir auch in jedem Punkt Recht, vor allem was die fehelnden Darstellernominierungen anbelangt. Omar Sharif hätte man zumindest mal nominieren können und Julie Christie hätte man sowohl für Darling als auch für Dr. Shiwago nominieren sollen. Ihr Gewinn für Darling find eich allerdings immer noch passend. "The Sound of Music" war wohl eine echte Sensation und DER Kassenschlagen schlecht hin und zudem hat die Academy zud er Zeit eine starke Affinität zu Musicals gehabt. Der Wohlfühlfilm wurde oft "Bester Film", die herausragenden Arbeiten meist mit dem Regiepreis und technischen Preisen versehen. Hat sich ja etwas gewandelt mit der Zeit.