Mein „Best Picture“-Ranking 2021

Die Oscars sind vergeben und Nomadland wurde als „Bester Film des Jahres“ ausgezeichnet – zurecht? Ich werfe einmal ein Blick auf alle nominierten Filme in der Königskategorie und stelle fest, dass dieses Jahr alle 8 Filme ihren Platz verdient haben. Doch in welcher Reihenfolge? Für mein Ranking versuche ich möglichst viele Faktoren mit einzubeziehen – nicht nur den eigenen Geschmack, obwohl bei solchen Listen natürlich auch subjektive Anteile mitschwingen. „Bester Film“ ist für mich die Zusammenführung von Inszenierung, mitsamt aller akustischer und visueller Mittel, schauspielerischen Leistungen, Drehbuch und Zeitgeist.  Im Anschluss würde ich mich freuen, wenn ihr Euer Ranking und Eure Gedanken im Kommentarfeld posten würdet! Ich bin mir fast sicher, dass besonders die Positionen von Mank und Promising Young Woman einigen Sauer aufstoßen könnten. Ich habe mir die Entscheidungen nicht leicht gemacht und hoffe gut abgewogen zu haben! Unterhaltsam und gut sind jedenfalls alle 8 nominierten Werke für mich!


08 JUDAS AND THE BLACK MESSIAH JUDAS AND THE BLACK MESSIAH | Trailer deutsch german [HD] - YouTube

Das biographische Drama beruht auf den Geschehnissen, die in den Jahren 1968/1969 in Chicago schlussendlich zur brutalen Ermordung des gerade einmal 21-jährigen Fred Hampton während einer künstlich forcierten Razzia geführt haben. Die damalige FBI-Führung rund um den berüchtigten J. Edgar Hoover sah sich zunehmend durch seine erfolgreiche Führung der Black Panthers Partei in Chicago bedroht. Die Panthers, die für eine revolutionäre Auflehnung gegen Polizei und Staat standen, waren der Behörde schon lange ein Dorn im Auge und daher Fixpunkt von polizeilichen Ermittlungen.

Mit einem bis ins kleinste Detail recherchierten Drehbuch, bei dem Hamptons einziger Sohn Fred Hampton Jr. eine beratende Funktion innehatte, gelingt es Shaka King nicht nur die damaligen Geschehnisse akkurat und schonungslos darzulegen, sondern diese auch in einen modernen Kontext zu stellen, die den Zeitgeist der aktuellen Ära, in der ein neuer Kampf gegen Marginalisierung und Diskriminierung begonnen hat, umfassend einfängt. Neben dem herausragenden Cast, für den Daniel Kaluuya mit dem Oscar geehrt wurde, sei besonders die intensive Kamerarbeit von Sean Bobbit erwähnt.

 

 


07 PROMISING YOUNG WOMAN Promising Young Woman - Wikipedia

Der Titel ist fast schon zynisch, weil er sich auf den Ausspruch eines Richters bezieht, der einen wegen sexuellen Übergriffs Verurteilten als „promising young man“ bezeichnet hat – gerade so, als wäre eine Vergewaltigung nur ein Kavaliersdelikt. In Emerald Fennels Film ist Carey Mulligan die vielversprechende junge Frau, die Männern eine Lektion erteilt und ein Statement zur Rape Culture abgibt. Es macht durchaus Spaß Cassie dabei zuzusehen, wie sie ihr Gegenüber auflaufen lässt, jedoch während wir uns bei handelsüblichen Rape-Revenge-Filmen zumindest an der kathartischen Selbstermächtigung erfreuen dürfen, fällt dies hier äußerst handzahm aus, trotz einer überragend agierenden Carey Mulligan und des fantastischen Casts.

Die Wahl den Film in 5 Kapiteln, denen unterschiedliche Genre zugrunde liegen, zu erzählen, ist Segen und Fluch zugleich. Während die einzelnen Kapitel eigenständig wunderbar funktionieren und die Kreativität und Einzigartigkeit des Oscar prämierten Drehbuchs auszeichnen, bieten sie auch Angriffsfläche, die den Film als Gesamtwerk nicht tadellos machen und genügend Kritikpunkte bieten, den an sich gelungenen Beitrag zur #MeToo-Debatte zu schmälern. Ein Film, bei dem sich die Geschmäcker scheiden und der die Rankings entsprechend anführt oder hinten anstehen dürfte.


06 THE TRIAL OF THE CHICAGO 7

Aaron Sorkin rekonstruiert in seinem dritten Regiewerk einen realen Gerichtsprozess aus dem Jahr 1969, erzählt damit lebendige Zeitgeschichte und liefert gleichzeitig ein Statement zur aktuellen Situation im Land ab. Es geht in dem Film um ein zerrissenes Land zwischen Links und Rechts, um das Ausnutzen von politischer Macht und fadenscheinige Prozesse, um diese zu stärken. Die Freiheit auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit steht hier ebenso im Fokus wie der Umgang mit den Demonstranten, der Einsatz von Polizeigewalt und wie von Oben versucht wird, Probleme zu bereinigen. Auch Rassismus ist ein großes Thema in dem Film und wird vor allem von dem achten Angeklagten Bobby Seale von den Black Panthers, der seinen eigenen Prozess bekommen will, in den Fokus gesetzt.

All das setzt Sorkin, der auch hierfür das Drehbuch schrieb, in einen spannenden Film um. Er ist dabei vor allem ein Gerichtsdrama, das mit Rückblenden die Ereignisse rekonstruiert. Dadurch bekommt der Betrachter zusammen mit den Geschworenen immer mehr Einblick in den Fall, so dass sie sich selbst ihr eigenes Urteil bilden können. Die Balance zwischen Gerichtsverhandlung und den eigentlichen Ereignissen gelingt ausgesprochen gut, sodass der Film niemals langweilig oder trocken ist. Sorkin weiß mit viel Spannung und einem hohen Unterhaltungsfaktor Zeitgeschichte zu erzählen und lässt wunderbar Rückschlüsse auf das heutige Amerika ziehen.


05 SOUND OF METAL Sound of Metal - Poster

Im Leben von Ruben dreht sich alles um die Musik. Gemeinsam mit seiner Freundin ist er Teil des Heavy-Metal-Duos Blackgammon, tourt durch das ganze Land, geht auf der Bühne immer ans Limit. Doch dieses Leben hat einen hohen Preis, wie er eines Tages feststellen muss: Sein Gehör hat sich rapide verschlechtert, es ist nur eine Frage der Zeit, bis er vollkommen taub ist. Sein Arzt rät ihm daraufhin, Abstand von der Musik zu nehmen, von allem, was irgendwie laut ist und sein Gehör gefährdet. Doch für ihn kommt das nicht in Frage, er setzt seine Hoffnungen lieber in eine Operation…

Etwas zu verlieren, das wichtig für Job, Liebe und Leidenschaft ist kann einen Menschen zerstören. Sound of Metal packt von der ersten Einstellung an. Der Film ist straff inszeniert und strukturiert. Schauspieler, insbesondere Riz Ahmed, Paul Raci und Olivia Cooke, Soundeffekte und Bilder sind großartig. Es ist beeindruckend, wie dieses schwierige und nicht gerade massentaugliche Thema für die Leinwand umgesetzt wurde. Ein Film der auch dank seines absolut stimmigen Schlussbildes und der Reise zur Akzeptanz und zur Selbstbestimmung lange nachwirkt und mit 2 Oscars ausgezeichnet wurde.

 


04 NOMADLAND Nomadland | Film 2020 | Moviepilot.de

Nomadland erzählt eine auf wahren Umständen beruhende Geschichte von „hauslos“ (nicht: obdachlos!) gewordenen Tagelöhnern, die von Stadt zu Stadt und von Staat zu Staat ziehen, um sich ein halbwegs ausreichendes Einkommen zu schaffen. Die Aktionäre der großen Unternehmen freut es, den Preis bezahlen die Gelegenheits-Angestellten. Ist das wirklich nur Amerika oder vielleicht sogar ein internationales Phänomen, das sich wieder stark auf dem Vormarsch befindet – und in diesem Sinne auch ein Blick in die Zukunft anklingt?

Bei der Besetzung setzt Regisseurin Chloé Zhao auf eine Mischung aus professionellen Schauspielern und Laiendarstellern, die Rollen verkörpern, die ihrer eigenen Biographie möglichst nahekommen sollen. Allen voran Frances McDormand, die für ihre fast schon beängstigend lebensnahen Darstellung ihren 3. Darstelleroscar erhalten hat. Zur Bebilderung Zhaos Vision zeichnet sich Lebensgefährte Joshua James Richards verantwortlich. Wer ein Drama erwartet wird enttäuscht sein. Vielmehr zeichnet Nomadland mithilfe des dokumentarischen Stils ein Bild echter Lebensverhältnissen, allerdings mit fiktiver Geschichte. Ein recht simpler, aber politisch wichtiger Film, der das Massenpublikum kalt lassen dürfte, aber essentielle Fragen des Lebens beinhaltet.

 

 


03 MANK Poster zum Mank - Bild 10 auf 17 - FILMSTARTS.de

Wenn es um die großen Klassiker der Filmgeschichte geht, fällt irgendwann unweigerlich auch der Titel Citizen Kane. David Fincher verfilmte die, mit fiktivem Elementen angereicherte Geschichte aus der Feder seines mittlerweile verstorbenen Vaters, Entstehungsgeschichte des Autoren Herman J. Mankiewicz mit Gary Oldman in der Titelrolle und heimste satte 10 Oscarnominierungen ein, von denen die fulminante Ausstattung und herausragende Kamerarbeit geadelt wurden.

Tatsächlich handelt der Film nur zum Teil von dem eigentlichen Schaffungsprozesses des Drehbuches, sondern erzählt auch ausgiebig aus dem vorangegangenen Leben des Autors. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei beispielsweise den Begegnungen mit dem von Charles Dance gespielten Verleger William Randolph Hearst, mit dem sich Mankiewicz einst überwarf, der als Inspiration für die Figur des Kane diente und mit aller Macht die Veröffentlichung zu versuchen verhinderte. Gleichzeitig ist Mank aber auch ein Film, der voller Bewunderung und Faszination für das alte Hollywood ist. Diese Geschichte hinter der Geschichte ein sehenswert-nostalgischer Trip in die Vergangenheit und zugleich eine Verbeugung vor der Kunst des Filmemachens, die aus meiner Sicht zu Unrecht vom Publikum zu harsch kritisiert und als langweilig beschrieben wird. Ich finde ihn großartig!

 

 


02 THE FATHER The Father | kinoheld.de

Wie sich die Demenz auf die Betroffenen und seine Umgebung auswirkt, ist beklemmend und durch die Hilflosigkeit, während des Verfalls, in keinem Moment leicht zu ertragen. Trotz seiner Ursprünge im Theater nutzt Florian Zeller das Medium Film für den Stoff vortrefflich aus und arrangiert die wenigen Schauplätze aus immer neuen Perspektiven. Man bekommt ein gutes Gefühl für die Wohnung und doch ist man sich – ebenso wie die Hauptfigur Anthony – nie sicher, warum jetzt dies und jenes nicht mehr so ist wie es zuletzt schien. Vertrautheit in den eigenen Wänden und zu den Nächsten verlieren? Es schmerzt. Anderthalb Stunden, die sich anfühlen, als würde die Zeit losgelöst von sich selber in der Luft verweilen, ohne Boden oder Ziel. Alles gerät durcheinander und fügt sich nie wieder greifbar zusammen, schon gar nicht dauerhaft. Oscarpreisträgerin Olivia Colman, welche die Tochter von Anthony spielt, zeigt eine Meisterleistung an Fragilität und auch die restlichen Darsteller prägen den Film an Kanten und Ecken.

Star des Films, ist aber Anthony Hopkins, der die Erwartungen an seine Klasse in der letzten halbe Stunde noch deutlich übertrifft und die wohl beste Leistung seiner Karriere abliefert. Sein anfänglich noch halbwegs bekömmlicher Stimmungswechsel ist versiert und virtuos gespielt. Mal charmant albern, mal maskiert selbstsicher, dann wieder unsicher und böse, zänkisch und verdrießlich, zum Schluss hin ein Akt unwilliger Selbstaufgabe, die sich wie Dauerschläge in die Magengrube anfühlen. Überragend und hochverdient mit dem Oscar gewürdigt.

 


01 MINARI – WO WIR WURZELN SCHLAGEN Minari - Wo wir Wurzeln schlagen - Poster

Die Minari-Pflanze (auch als Wassersellerie bekannt) ist robust, genügsam und vielseitig einsetzbar. Sie gedeiht am besten an Orten, die ihren Bedürfnissen am stärksten entsprechen. Scheint sie eingegangen zu sein, kehrt sie oft gestärkt zurück. Und all das lässt sich – man ahnt es schon – auch über die koreanische Familie sagen, die in den 1980er Jahren versuchen den amerikanischen Traum zu leben, aber mit einigen Schicksalsschlägen zurecht kommen muss.

Lee Isaac Chungs Inszenierung ist durchzogen von einer stark religiös aufgeladenen Symbolik, die in einem kreuztragenden Nachbarn gipfelt, aber auch in den Namen der Familienmitglieder Ausdruck findet. Der Cast ist absolut glaubhaft und herausragend in ihrem Spiel. Besonders das Zusammenspiel von Alan S. Kim und Yuh-Jung Youn geht ans Herz. Während Youns Rolle anfangs recht kauzig, aber doch unscheinbar ausfällt, bietet sich ihr im späteren Verlauf die Möglichkeit, in einem schwierigen Part groß aufzutrumpfen, was ihr auf beeindruckende Weise gelingt und ihr zurecht den Oscar bescherte. Auch seien die beeindruckenden Bilder von Kameramann Lachlan Milne und der magische Filmscore von Emile Mosseri erwähnt, die den rundum gelungene Spagat zwischen Realismus und Poesie veredeln.

 

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