Original vs. Remake: So finster die Nacht (OT: Låt den rätte komma in)

So Finster die Nacht 1

Jede Woche wollen wir Euch einen Klassiker, eine Kinoperle oder einen kontroversen Film näher bringen. Nach “Only God Forgives” kommt nun Teil 2 mit dem wohl besten Horror/Vampirfilm der letzten 20 Jahre: “So finster die Nacht”.

Der 12-jährige Oskar ist ein Außenseiter, der in der Schule gehänselt und bedroht wird und sich in seiner Einsamkeit immer weiter in Rachefantasien verliert. Dies ändert sich, als er die junge Eli kennen lernt, bei der es sich ebenfalls um eine gequälte Seele handelt. Dann muss Oskar jedoch feststellen, dass es sich bei Eli um einen Vampir handelt und, dass sie in Verbindung mit einer Mordserie in seiner Umgebung steht…

Basierend auf dem Roman von John Ajvide Lindqvist, der sein Werk für den Film selbst adaptierte, verfilmte der, außerhalb von Schweden leidlich bekannte Thomas Alfredson mit gänzlich unbekannten Darstellern und einem sehr begrenzten Budget dieses Vampir-Drama, das schließlich, nach dem Gewinn von inzwischen 63 (!) nationalen und auch internationalen Filmpreisen ein echter Geheimtipp wurde, woraufhin es beinahe übergangslos zu einer Art Kultfilm avancierte. Und diese Beachtung und Würdigung hat das kleine Meisterwerk definitiv auch verdient.
Zunächst einmal wird mit “So finster die Nacht” ein überaus gelungener und atmosphärisch dichter Horrorfilm geboten. Die eisigen, düsteren, schneebedeckten Kulissen Schwedens, die oft und ausgiebig in Szene gesetzt werden, die triste Stimmung, die durch die Stille, die wiederum nur selten durch Dialoge oder den ruhigen, melancholischen Score unterbrochen wird, all dies sind Faktoren, die die bedrückende, dichte, meist auch sehr triste Atmosphäre erzeugen, die von Anfang an besteht und durchaus zu fesseln vermag. So benötigt der Horrorfilm weder ausgiebige Splatter-Orgien, noch Action-Sequenzen, um die Anforderungen an einen guten Genrefilm zu erfüllen.

Aber “So finster die Nacht” ist mehr als ein Horrorfilm, es ist auch ein Außenseiter-Drama und eine Liebesgeschichte zweier Jugendlicher, die im Grunde nur einander haben. Und dieses Drama gelingt ebenfalls hervorragend. Angefangen bei der Charakterkonstruktion, bei der sowohl Oskar, der für sein Alter relativ kleine, schmächtige Jugendliche, der in der Schule geärgert und gedemütigt wird, keinen Gesprächspartner hat, mit dem er sich aussprechen könnte, weswegen er bei Nacht und Nebel seine Rachefantasien auslebt, ohne den Mut aufzubringen, sie im Endeffekt wirklich in die Tat umzusetzen, als auch die junge Eli, die aufgrund ihres Vampir-Daseins nicht altert, ebenfalls sehr einsam ist, was sich noch verschlimmert, als ihr Begleiter und Ernährer stirbt, vom Hunger auf Blut getrieben wird, ohne jedoch sonderlich gern zu töten, tief konstruiert werden, bis hin zur langsamen und getragenen Inszenierung der Geschichte, die kaum emotionaler und mitreißender sein könnte, gelingt das Drama hervorragend. Dabei glücken Alfredson, vor allem zum Ende hin, zahlreiche kraftvolle, aber auch bedrückende Momente, wobei keinerlei Seelenkitsch oder Ähnliches aufkommt.

Der Spagat zwischen den beiden Ansätzen gelingt dabei ebenfalls hervorragend. Es gibt einige Schockmomente, die sind aber spärlich genug dosiert, dass sie dem Drama nicht schaden und auch einige brutalere Splatter-Szenen sind durchaus vorhanden, sind aber ganz klar der Story untergeordnet, wirken zu keinem Zeitpunkt fehl am Platz und erwecken nie den Eindruck, dass es Alfredson auf Blut und Gedärme abgesehen hätte, ganz im Gegenteil, sie passen sehr gut in das triste, düstere Horror-Drama, das sowohl narrativ, als auch audiovisuell sehr stark inszeniert ist.
Die beiden schwedischen Nachwuchsdarsteller wissen zu überzeugen. So spielt Kare Hedebrant mit seiner zurückgezogenen, sympathischen und durchaus mitleidserregenden Art den jungen Oskar sehr stark, während Lina Leandersson mit einer grandiosen Leistung noch länger im Gedächtnis bleibt. Die talentierte Nachwuchsdarstellerin stellt in ihrer ersten Rolle alle Facetten ihrer Figur rundum überzeugend dar, so ist sie als junger Vampir auf Beutezug beinahe beängstigend, als einsamer, trauriger Teenager ebenfalls sehr glaubhaft und auch in den gemeinsamen Szenen mit ihrem Filmpartner, in den kraftvollen Momenten, zeigt sie sich von ihrer stärksten Seite.

Für mich hätte man den Film auch bei den Oscars zig mal nominieren können, vor allem Kamera, Schnitt, Drehbuch und Film, aber die Schweden waren damals noch nicht mutig genug und haben einen anderen Beitrag damals eingesendet haben, der allerdings auch nominiert wurde. Bei den englischen Oscars hat es übrigens damals geklappt, musste er sich allerdings dem französischen Beitrag „A Prophet“ geschlagen geben. Bei „So finster die Nacht“ handelt sich um einen Film, der den Spagat zwischen Horrorfilm und Drama exzellent meistert und sei jedem ans Herz gelegt, der ein Werk, das weit über die Genre-Grenzen hinausgeht, sehen will und zu schätzen weiß.

Wertung40

Schweden – 2008 – 1 Std. 50 Min.
Regie: Tomas Alfredson
mit: Kåre Hedebrant, Lina Leandersson, Per Ragnar, Henrik Dahl, Karin Bergquist & Peter Carlberg
Genre: Horror, Drama

Let me in

Kurz möchte ich noch auf das amerikanische Remake „LET ME IN“ (abgeleitet vom schwedischen Original „Let the Right One in“) eingehen. Die meisten Remakes sind überflüssig und schlecht, aber dies trifft nicht, auf dieses Remake zu, welches u.a. auch dem starken Ausgangsmaterial geschuldet ist. Zwar war in meinen Augen Chloe Moretz (Kick-Ass) nicht so überzeugend wie Lina Leandersson, aber Kodi Smith-McPhee (The Road) war grandios und hat mich in vielen Szenen sogar mehr berührt als im Original. Hier wurde das Umfeld mehr einbezogen und der Fokus wurde noch mehr auf die beiden Kinder und ihre Beziehung gelegt.

Großer Unterschied zwischen „Let the Right One in“ und „Let me in“ ist das Verhältnis der beiden Heranwachsenen. Im Original haben sie eine Art Seelenverwandschaft miteinander, während dies bei „Let me in“ Gefühle und Abhänggkeit sind.

Die Special Effects haben mich ein wenig gestört, die “Horror”elemente ist fürs Main Stream-Publikum aber sicherlich wirksamer und wirkt nicht so gezogen, wie im Original, die aber damit die Einsamkeit der Protagonisten noch stärker ausdrückt. Was mir an „Let me in“ zudem gefallen hat, ist das Abby (Chloe Moretz) fast immer komplett barfuss rumgelaufen ist, trotz dauerndem Schneefall. Im Original sieht man dies nur in einer Szene. Diese Andersartigkeit wird dadurch zwar sehr stark betont, aber übte auf mich irgendwie eine undefinierbare Faszination aus. Kamera und Musik von Michael Giacchino sind fast ebenbürtig zum Original. Anders, aber durchaus reizvoll. Auch die Einführung des Polizisten und das der mittlere Teil an den Anfang gesetzt wurde (als Opening) hat mir auch sehr gut gefallen, die finale Szene am Pool ist aber deutlich besser im Original, weil der Sinn dort ein ganz anderer ist, aber seht mal selbst: Hier ein Vergleich zwischen „Original“ und “Remake”:

„So Finster die Nacht“ bekommt von mir die sehr Hohe Wertung, weil er einen gänzlichen neuen Ansatz von einem Vampirfilm zeigt und handwerklich und darstellerisch so gut funktioniert. Einzig die deutsche Synchronisation wirkt teilweise etwas daneben. Das Remake hat mich emotional etwas mehr bewegt, was sehr am überragendem Kodi Smith-McPhee liegt, doch das Original ist insgesamt schon das etwas stärkere Werk, weil es konsequenter, stimmiger und weniger Effekthascherisch ist, siehe am Beispiel der kurzen Geschichte um die Frau, die nach Elis Biss auch zum Vampir wurde. Im Original ist ihre Selbstopferung berührender als im Remake. Die Jungs, die Owen aus „Let me in“, psychisch und physisch fertig gemacht haben, haben mir allerdings besser gefallen als im Original und wirkten irgendwie bedrohlicher.

Wertung40

USA – 2010 – 1 Std. 56 Min.
Regie: Matt Reeves
mit: Kodi Smit-McPhee, Chloë Grace Moretz, Richard Jenkins, Elias Koteas, Cara Buono & Sasha Barrese
Genre: Horror, Drama

Nun seid ihr gefragt! Wer von Euch hat den einen oder anderen Film gesehen und teilt meine Meinung oder vertritt eine gänzlich Andere? Diskutiert mit! Und wer die Werke nicht kennt: Unbedingt Anschauen!

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  • maloney8032

    Das Remake hab ich noch nicht gesehen aber das Original ist ganz grosses Kino, einer der besten Horrorfilme die ich kenne!

  • Heiko

    Ich kann Paddy in Bezug auf "So finster die Nacht " nur in allen Punkten zustimmen!
    Einer der besten Vampirfilme aller Zeiten. Wobei er ja nur vordergründig ein Horrorfilm ist. Im Kern ist es nämlich eine klassische Coming-of-Age-Geschichte bei der es um die typischen Probleme von Teenagern geht. Andersartigkeit, Ausgrenzung, Mobbing, Jähzorn, aber auch starke Gefühlswallungen, erste Liebe und aufkeimende Sexualität. All das wird hier kongenial in Form einer Vampir-Parabel thematisiert. Eine ähnlich starke Textualisierung habe ich in diesem Genre bisher übrigens nur bei der "Ginger Snaps"-Reihe gesehen, wobei diese Filme einen doch stärker ironischen Ton anschlagen.

    In Bezug auf "Let Me In" (den ich mir heute zum ersten Mal extra angeschaut habe) muss ich aber schon fast eher den beiden Rezensenten in Paddys verlinktem Direktvergleich Recht geben. Nicht dass ich den Film auch so scheiße finden würde, im Gegenteil ich finde ihn für ein Remake schon gut gelungen, aber was sie mit der Verdrehung bzw. Umdeutung der Charaktereigenschaften sagen ist gar nicht mal so falsch. Zumal er mir auch zu stark Bild für Bild kopiert und wenig Eigenständiges bietet.

    "Let Me In" wirft mir v.a. zu sehr mit Plattitüden à la "gibt es das ultimative Böse" um sich. Die Charaktere von Owen und Abby sind mir im Direktvergleich zu Oskar und Eli auch zu simpel gestrickt. In "So finster die Nacht" kommt die Verzweiflung Elis dieses Leben führen zu müssen um ein Vielfaches stärker rüber, ebenso Oskars leicht psychopathische Anleihen die ich eben auch so gesehen habe. Das liegt zum einen an den grandiosen Darstellern Lina Leandersson und Kare Hedebrant (von denen besonders Leandersson ein extrem ausgefeiltes Spiel abliefert), als auch am wunderbar geschriebenen Drehbuch, das auch noch etwas näher an der Buchvorlage ist.
    Und dabei wird das Ganze auch noch viel subtiler in Szene gesetzt als bei "Let Me In". Die ruhigen, fast schon stoischen Bilder der schneebdeckten Landschaften, der sanfte Score der sich der Handlung unterordnet, und wie erwähnt das nuancierte Spiel der beiden Hauptdarsteller. Sie brauchen hier nicht rumzuheulen, die ganze Zeit verängstigt zu schauen oder all ihre Gefühle auch noch auszusprechen. Hier reichen lange Blicke, kleine Gesten um den Zuschauer in ihren Bann zu ziehen. Moretz und Smit-McPhee machen ihre Sache zwar auch hervorragend, das will ich gar nicht abstreiten, aber sie setzen doch mehr auf klassisches "Hollywood-Acting", als einfach mal nur ganz minimalistisch an die Sache ran zu gehen. Das gleiche gilt für die verstärkten Horror-Effekte und die schnelleren Schnitte im Remake. Auch hier wäre weniger mehr gewesen, denn so wird der Fokus verstärkt auf die Vampirstory gelegt, einschließlich härteren Splatters. Im schwedischen Original ist dies wie erwähnt nur ein Aufhänger für ein vielschichtiges Jugenddrama.
    Besonders stark ist mir dies in der Szene aufgefallen in der Ela bzw. Abby Oskar, respektive Owen nach der Tötung ihres Begleiters, im Schlafzimmer besucht. Wird bei "Let Me In" diese Szene fast schon belang- um nicht zu sagen gefühllos heruntergerissen, spürt man bei "So finster die Nacht" dagegen die emotionale, wie auch körperliche Nähe, die beide brauchen und doch im klassischen Sinne einfach nicht haben können. Gerade wenn Ela Oskar z.B. zärtlich über die Hand streichelt schwingt da auch schon eine gewisse Portion subtiler Erotik mit. Obwohl sie sich so nah sind, sind sie eigentlich doch so fern. Für mich die anmutigste Szene des gesamten Films.
    Und selbst der homosexuelle Plot aus dem Roman (der zwar in beiden Filmen nicht näher thematisiert wird) wird in "So finster die Nacht" doch auf eine subtile Weise in der Szene, in der Oskar Eli beim umziehen nachspannt, eingebracht.
    Das einzige was ich bei "Let Me In" dagegen besser gelungen fand als im Original ist der pädophilistische Ansatz des Romans die Beziehung Eli (hier natürlich Abby) und des "Vaters" betreffend. Im Roman ist der Begleiter nämlich ein gesuchter Kinderschänder mit dem Eli eine Art Pakt schließt ist. Diesen Aspekt findet man wie ich finde in der "Umarme-Szene" bei Richard Jenkins und Chloe Moretz etwas besser angedeutet als im Original.

    "So finster die Nacht" ist bei mir ne ganz klare 10/10, während "Let Me In" es immerhin noch auf gute 7/10 schafft.

    • Patrick

      Wow Höchstwertung, wie geil! Ich muss aber auch zugeben, dass ich keinen Film mit Horrorfilmen kenne, der diese Thematik so kongenial umsetzt. Ein echtes Meisterwerk des Genres und ein vortreffliches Beispiel für eine anscheinend sehr gute Buchumsetzung und das man mit einfachsten und geringem Budget einen herausragenden Film machen kann!

      Dein Kommentar ist toll zu lesen und freut mich, dass Du Dir beide Filme nochmal bzw. "Let mein" zum ersten Mal angeschaut hast!

      Bin auf weitere Kommentare gespannt! Sieht das vielleicht Jemand anders?
      Ein Freund von mir hat die Woche vor "So finster die Nacht" "Let me in" zum ersten Mal gesehen und fand ihn besser. Keine Ahnung ob es an den Sehgewohnheiten liegt oder es schlichtweg Geschmackssache ist, dass er "Let me in" nen ticken besser fand. Toll fand er aber beide und mein anderer Freund fand den Filmvorschlag auch toll, so dass wir noch ne Weile diskutiert haben über den Film.

      Das einzige Problem sehe ich im Marketing von dem Film, da er gezeilt auf die Vampirgeschichte und den Horrorelementen abgezielt hat bzw. in den Programmzeitschriften und Videotheken (sofern noch vorhanden) so angepriesen wird und der Film dies ja nur spärlich einsetzt. Wie ich finde brilliant!