Boyhood

 Boyhood 2

Bei 162 Minuten Laufzeit muss man sich schon sehr gut überlegen, ob man diese Lebenszeit mit diesem Film verbringen möchte oder nicht. Im Grunde geschieht nichts, was man im eigenen Leben nicht auch früher oder später erlebt. Menschen verlieben sich, heiraten, lassen sich scheiden, ziehen um, werden dicker und wieder dünner, werden älter und durch die Erfahrungen die sie machen auch weiser. Manchmal passiert etwas Spannendes, manchmal auch nicht. Ganz wie im Leben eben!

BOYHOOD ist ein cineastisches Wagnis das seinesgleichen sucht. Gefilmt wurde innerhalb eines Zeitraums von zwölf Jahren mit immer denselben Hauptdarstellern und beinhaltet ebendiese Zeitspanne in seinem Handlungsrahmen. Der Regisseur hat unter anderem mit der eigenen Tochter Lorelei gedreht als auch mit den gestandenen Schauspielgrößen Patricia Arquette und Ethan Hawke, die die Rahmenpersonen um Mason geben, der durch den Nachwuschsdarsteller Ellar Coltrane verkörpert wird. Auch in der Postproduktion wurde Hervorragendes geleistet, so dass ein Film aus einem Guss entstanden ist. Denn nicht nur die filmische Technik hat sich in dem langen Zeitraum verändert. Mit großer Leichtigkeit werden auch gesellschaftliche Prozesse und Ereignisse einbezogen. Nichts wirkt aufgesetzt. Als ein Beispiel sei die Sequenz angeführt, in der der junge Mason mit seinem Vater Wahlwerbung für Obama macht. Der Zuschauer begegnet Amerikanern unterschiedlicher Generationen und Anschauungen, ihren Haltungen zum Irak-Krieg, wird an die Begeisterung für die Star Wars-Filme erinnert, erlebt den Enthusiasmus für Harry Potter oder verschiedene Musikstile mit. Dies alles bildet ein sich bewegendes filmisches Kaleidoskop, das man mit Vergnügen, Interesse und Spannung verfolgt. Man lacht mit den Protagonisten und leidet mit ihnen. Wir sehen verschiedenen Väter und ihren Einfluss auf die Entwicklung Masons, seiner Schwester und auch der Mutter, den mehrfachen Wechsel der Umgebung, die Zeit und Probleme der Pubertät, das Suchen und Finden, das Sich- Binden und Loslassen.

Dieser Film ist definitiv nicht für Jedermann, er folgt keiner klassischen Dramaturgie und nicht jede Szene führt unweigerlich zur Nächsten. Manchmal werden Dinge angerissen, die später kaum noch Bedeutung finden – wie im richtigen Leben eben. Das ist nicht immer spannend, aber doch faszinierend mit anzuschauen und wenn man sich ganz auf den Film einlässt bietet dieser viele wundervolle Momente, die einen tief berühren. Mit der Zeit wachsen einen die Protagonisten so ans Herz, dass man sich am Ende mit einem lachenden und einem weinenden Auge verabschieden muss.

Boyhood

Das letzte Drittel bildet für mich das kleine Highlight des Films, vielleicht auch, weil man sich an seine eigene Pubertät am ehesten noch selbst dran erinnert und man sich der Ich-Werdung und Ich-Entwicklung in diesem Lebensabschnitt bewusst wird. Es ist faszinierend, wie aus dem einstigen Jungen ein Mann heranwächst und welche Einflüsse dabei entscheidend wurden. Dieser Abschnitt ist aber auch gleichzeitig derjenige, wo ich gerne noch näher an Mason dran gewesen wäre. Man erfährt von seinem ersten Mal und später sieht man ihn mit seiner großen Jugendliebe, doch dem Zuschauer werden dazu die Bilder nicht oder nur in geringem Umfang geliefert. Hier hätte ich mir mehr voyeuristische Nähe gewünscht, hier fehlt bei mir der kompromisslose Fokus auf den Protogonisten um ganz mit ihm eins zu werden, um Freud und Leid vollkommen und in seiner Ganzheit mit ihm zu teilen. Hier hat der Film verpasst den Stempel „Meisterwerk“ von mir zu bekommen, wie ihn die Kritiker überall gerade aufdrücken, wo immer BOYHOOD gezeigt wird. Trotz dieses kleinen Wehrmutstropfens hat hier Regisseur Richard Linkater sein wohl bestes Werk abgeliefert, das seine bisherigen Preise allesamt verdient hat. Die besten Szenen liefern zweifelsfrei Ethan Hawke und Patricia Arquette, die sich berechtigte Hoffnung auf ihre 1. Oscarnominierung machen kann und wenn es nach mir geht, auch den Goldjungen mitnehmen kann.

USA 2013 - 121 Minuten Regie: John Wells Genre: Drama / Komödie Darsteller: Meryl Streep, Julia Roberts, Chris Cooper, Ewan McGregor, Margo Martindale, Julianne Nicholson, Juliette Lewis, Tom Shepard, Benedict Cumberbatch, Abigail Breslin
USA 2002-2014 – 166 Minuten
Regie: Richard Linklater
Genre: Drama
Darsteller: Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke, Lorelei Linklater
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  • Melanie Maria

    Yeah, voll daccord. danke fürs schreiben paddy :*

    • Patrick

      Sehr gerne. Wie geht es den Anderen? Was hat Euch an dem Film gefallen, was evtl. nicht so bzw. stimmt ihr mit dem einzigen Kritikpunkt von mir überein oder seht ihr dies vielleicht ganz anders? Und was sagt ihr zur Leistung von Ethan Hawke und Patricia Arquette?

  • Dennis

    Meine Meinung hatte ich dazu vor einiger Zeit hier mal niedergeschrieben: http://dieacademy.de/2014/06/26/meine-kurzkritike

    Ergänzend dazu würde ich mir vor allem für Patricia Arquette ne Nominierung und im aktuellen Stand sogar den Oscar wünschen. Mal sehen, was oder wer da noch kommt.

    • Patrick

      Sehe ich auch so! Bislang die überzeugendste Darstellung! Hoffe der Film hält sich noch bis zum Saisonstart der Preisverleihungen in den Köpfen und im Herzen!

  • Patrick

    5 1/2 Monate später sieht es wirklich so aus, dass Arquette ihn mitnehmen darf! Finde ich gut. Hat sich der erste Eindruck bestätigt!

  • Alexej

    Arquette war ja in True Romance schon erste Sahne. Die kann echt was. Ich hoffe sie findet ihre Rollen…