Der Club der toten Dichter (OT: Dead Poets Society)


Ich muss gestehen, dass Der Club der toten Dichter erst mein fünfter Film von Peter Weir ist, den ich gesehen habe; und trotzdem erkenne ich langsam die wiederkehrenden Themen in seinen Filmen: Wie bereits in Picknick am Valentinstag aus dem Jahr 1975 spielt auch Der Club der toten Dichter in der strengen Welt eines Internats (aus dem Mädchen-Internat wird eins für Jungs). Aber in Der Club der toten Dichter rückt die Liebe zur Literatur und wie daraus eine Form der Rebellion gegen verkrustete Instanzen werden kann mehr in den Vordergrund als das Thema der psychologischen Spiritualität. Überhaupt sind die Werke von Weir durchdrungen vom großen Thema der Flucht und dem Ausbruch; siehe seine letzten beiden Filme Master & Commander – Bis ans Ende der Welt und The Way Back – Der lange Weg bei denen auch noch der Aspekt des Überlebens dazu kommt.

Am meisten aber musste ich an neun Jahre später gedrehten Die Truman Show denken: Konzentriere sich Weir dort auf den titelgebenden Truman Burbank, rückt er nicht nur den von Robin Williams gespielten Lehrer John Keating in den Fokus, sondern macht aus ihm fast eine ähnliche Figur wie sie Williams acht Jahre abermals spielte; und zwar in Good Will Hunting. John Keating fungiert als moralischer Wegweiser des sogenannten Club der toten Dichter, der unter anderem aus Neil Perry (ein grandioser Robert Sean Leonard), Todd Anderson (Ethan Hawke), Knox Overstreet (Josh Charles) und Charlie Dalton (Gale Hansen) besteht und bringt den Jungen bei ihren eigenen Weg zu gehen, ihre eigene Kreativität auszuleben und aus den vorgegebenen Lebens- und Erwartungsrahmen auszubrechen.

Was bei Truman Burbank ein Guten Morgen … und falls wir uns nicht mehr sehen, guten Tag, guten Abend und gute Nacht! ist, splitet sich bei John Keating einmal in ein Carpe diem! und dann in das berühmte O Captain! My Captain!: Sätze die beim ersten Höhren geradezu banal wirken, aber eine ständige Präsenz entwickeln und zum Ende hin zum wahrscheinlich wichtigsten Satz im gesamten Film werden. Sowohl Guten Morgen … und falls wir uns nicht mehr sehen, guten Tag, guten Abend und gute Nacht! als auch O Captain! My Captain! kennzeichnen die erfolgreiche Rebellion gegen die (bei Truman durchaus wörtlich gemeinte) höhere Instanz die das Leben unserer Protagonisten bestimmen und in die richtigen Bahnen lenken sollen, aber am Ende scheitern. Wissen wir wie das weitere Leben von Truman oder den Schülern weitergeht und sich entwickelt? Nein. Ist es für uns irgendwie wichtig? Nicht wirklich. Wichtig ist was die Figuren im Laufe ihrer Rebellion gelernt und verinnerlicht haben. Wie sie ihre eigene Zukunft gestalten.

Spielte Williams in Good Morning, Vietnam noch eine sehr viel humoristische Figur, die im Laufe des Films und durch den direkt erlebten Schrecken des Vietnamkrieges auch ernstere Töne anschlägt (die aber trotzdem den ganzen Film über zu spüren waren, was vor allem am grandiosen Spiel von Williams lag), ist sein Spiel in Der Club der toten Dichter sehr viel weniger auf den schnellen Witz ausgelegt. Zwar gibt es auch hier den einen oder anderen humorvollen Moment mit ihm, aber liegt darin immer die Mission von Keating seinen Schülern die Liebe und die tiefere Bedeutung der Literatur und deren Werte zu vermitteln und nicht die Zuschauer zu unterhalten.

Wie schon in Picknick am Valentinstag findet eine Figur ihre Erlösung erst durch das Beenden des eigenen Lebens; und wie in Die Truman Show gibt es zum Ende hin eine herzergreifende Schlussgeste. Steigt Truman die Stufen zur Ausgangstür hinauf, so erklimmen unsere jungen toten Dichter ihre Tische und vollenden damit ihren Reifungsprozess hin zu selbstständig denkenden und nicht mehr fremdgesteuerten Individuen mit eigenen Moralvorstellungen und Zielen im Leben.

Damit bleibt mir fast nicht mehr anderes übrig als zu sagen: Von hier oben sieht die Welt wirklich anders aus! Schreibt worüber ihr Lust habt! Schreibt wie euch der Schnabel gewachsen ist! Lernt aus Filmen und nimmt sie in euer Herz auf! Carpe diem! Nutze den Tag! Macht etwas Außergewöhnliches aus eurem Leben, da es vergänglich ist!


USA – 1989 – 2 Std. 8 Min.
Regie: Peter Weir
mit Robin Williams, Robert Sean Leonard, Ethan Hawke, Josh Charles, Gale Hansen, Norman Lloyd, Kurtwood Smith, Dylan Kussman, James Waterston, Allelon Ruggiero, Leon Pownall, Alexandra Powers, Kevin Cooney, Welker White, Debra Mooney und George Martin
Genre: Tragikomödie

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  • Heiko

    Chapeau! Dem ist absolut nichts mehr hinzuzufügen!
    Deutung, Analyse, Wertung: alles absolut stimmig!

    "Dead Poets Scoety" hat ohne Übertreibung mein Leben verändert. Ich war 11 oder 12 als ich ihn das erste Mal gesehen habe und allein durch diesen Film konnte ich vermutlich mehr Lebensweisheiten mitnehmen als in meiner gesamten weiteren Adoleszenz.
    Und dank ihm wurde Robin Williams zu einem der Helden meiner Jugend.