The Lady In The Van

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Jetzt erst – annähernd ein halbes Jahr nach dem Kinostart im anglistischen Raum – schaffte eine mit erstaunlich geringem Budget produzierte, als „überwiegend wahre Geschichte“ betitelte Tragikomödie, den vereinzelten Einzug in deutschsprachige Kinosäle, welche der inzwischen 81-jährigen, in den Ritterstand erhobenen Charakterdarstellerin Maggie Smith vor Kurzem Nominierungen für den Golden Globe und den BAFTA einbrachte. Romanbasiert beleuchtet Theater- und Spielfilmregisseur Nicholas Hytner die zufällig entstandene Beziehung des snobistischen Autoren Alan Bennett zu einer überaus exzentrischen, obdachlosen Persönlichkeit hohen Alters, die ihr Dasein fünfzehn Jahre lang in einem Kleinbus in dessen Grundstückseinfahrt fristet. Die Handlung mutete vorab ähnlich speziell an wie die porträtierte Seniorin selbst, dennoch erwies sich meine zunächst lediglich gemäßigte Erwartungshaltung nur bedingt als gerechtfertigt.

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Hytner und Bennett gelingt mit „The Lady In The Van“ ein gemeinschaftliches, geistreiches Resultat, das man mit Fug und Recht als anspruchsvollen, demzufolge ein gewisses Maß an Geduld abfordernden Arthaus-Film bezeichnen kann, in dem bewusst gesellschaftskritisch und gleichermaßen augenzwinkernd mit Vorverurteilungen gegenüber betagten Personen und Obdachlosen spielte. Obwohl man im Zuge der Handlungsausformung voll von originellen Dialogen selbstredend nicht vor typisch britischer Ruppigkeit zurückschreckte, kommen auch sensible Züge keinesfalls zu kurz, weswegen sich evozierte Emotionen wie Freude und Emotionalität konsequent die Waage halten können. Abgerundet wird die einfühlsame, zunehmend auf die Aufdeckung der Vorgeschichte der Protagonistin zugeschnittene Inszenierung mit einem in vielerlei Hinsicht ungewöhnlichen Schlussbild, das dem Zuschauer dennoch ein hohes Maß an Zuversicht spendet. Wenngleich nicht jeder einzelne Gag komplett zünden will, es dem Mittelteil ein wenig an Esprit mangelte und das imaginäre, symbolistische Zwiegespräch des Hauptdarstellers zu viel Raum eingenommen hat, vermag insbesondere die schrittweise Aufdeckung sämtlicher Lebensgeheimnisse der alten Dame zu überzeugen und in derselben Weise zu überraschen. Ferner wurden die fabelhaften, klassischen Klänge in Verbindung mit Neukompositionen von George Fenton, der schon “Gandhi” und “Gefährliche Liebschaften” musikalisch bereicherte, an den entscheidenden Momenten eingesetzt. Der größtenteils in eleganten und niveauvollen Rollen zu bewundernde Dame Maggie Smith wird es erlaubt, eine ganz andere, extravagante Verkörperung ihres Könnens zu offerieren, denn derart ungehemmt, kokettierend und schroff dürfte das Publikum sie bis dato noch nicht zu Gesicht bekommen haben. Sie brilliert nicht nur als schwer zu mögende Antiheldin, sondern beweist vor allem in der Klavierszene einmal mehr, dass sie nicht zu Unrecht als Meisterin des mimischen Spiels gilt. Einer derart hervorragenden Performance kann Alex Jennings als reservierter Gegenpol zwar nicht durchgängig standhalten, dafür entschädigen allerdings erfrischende und sehenswerte Kurz- und Gastauftritte von Jim Broadbent, Frances de la Tour, Dominic Cooper sowie James Corden.

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“The Lady In The Van” mag summa summarum vielleicht keine genrebezogene Punktlandung à la “Philomena” darstellen, eignet sich jedoch bestens für einen vergnüglichen Filmabend, was der warmherzigen, vor Cleverness strotzenden Intention und zahlreichen Amüsements mit Lebensweltbezug im selben Maße zu verdanken ist wie der brillanten, zweifelsohne karrierekrönenden Darbietung einer nach wie vor energetischen Aktrice, die in diesem Jahr ihr 60-jähriges Bühnenjubiläum feiern darf und Kinoliebhabern hoffentlich noch lange erhalten bleiben wird. Insofern möchte ich abschließend einen Autorenkollegen zitieren, indem ich konstatiere, dass Maggie Smith definitiv des diesjährigen Golden Globes “beraubt” worden ist.

UK 2015 - 104 Minuten Regie: Nicholas Hytner Genre: Tragikomödie / Biographie Darsteller: Maggie Smith, Alex Jennings, Roger Allam, Deborah Findlay, Jim Broadbent, Cecilia Noble, Gwen Taylor, Frances de la Tour, Nicholas Burns, Pandora Colin
UK 2015 – 104 Minuten
Regie: Nicholas Hytner
Genre: Tragikomödie / Biographie
Darsteller: Maggie Smith, Alex Jennings, Roger Allam, Deborah Findlay, Jim Broadbent, Cecilia Noble, Gwen Taylor, Frances de la Tour, Nicholas Burns, Pandora Colin
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  • Patrick

    Willste etwa Jennifer Lawerence 3. Golden Globe ind Folge absprechen? hahahaha

    Ja Spaß, war natürlich echt ein Witz! Tomlyn oder Smith wäre natürlich angemessener gewesen.

  • Melanie Maria

    smith wäre absolut dran gewesen! aber stefan in einem "Lastwagen" hat sie jetzt nicht so richtig gewohnt 😀

    • Stefan T.

      "Genächtigt" wäre wohl der bessere Ausdruck gewesen. 🙂

      • Melanie Maria

        nee, ich meine den lastwagen – das war ein wohnwagen!! oder ein kleinbus 😉

        • Stefan T.

          Für mich sind – wie man sieht – Fahrzeuge aller Art böhmische Dörfer, solange man von A nach B kommt. 😀