So Wie Du Mich Willst (OT: Celle Que Vous Croyez)

© Diaphana Films

Laut Statistiken haben rund 30 Prozent aller Europäer bereits mehr oder weniger gute Erfahrungen mit Online-Dating gemacht. Alarmierender Weise soll jedoch jedes siebtente (!) Profil auf diversen Dating-Plattformen reines Fake-Material darstellen und eine Person visualisieren, die es in der Realität gar nicht gibt. Diese nüchternen Zahlen vorausgeschickt, eignet sich die zeitgenössische Thematik perfekt für einen Beitrag in Spielfilmlänge. So verwundert es nicht, dass die Vorspiegelung falscher Tatsachen in den Weiten des WorldWideWeb den Ausgangspunkt für „So Wie Du Mich Willst“ unter der Regie von Safy Nebbou bildet. Der unter dem internationalen Titel „Who You Think I Am“ vertriebene Film wurde bereits im Rahmen der Berlinale uraufgeführt, hielt aber erst vor kurzem Einzug in vereinzelte Programmkinos. Wie so oft, ist die zurückhaltende Veröffentlichung als bedauerlich zu erachten, denn das Werk richtet sich trotz unverkennbarer Arthouse-Qualitäten in inhaltlicher Hinsicht an ein breites Publikum und hinterlässt nicht nur dank seiner überragenden Hauptdarstellerin einen bleibenden, zutiefst therapeutischen Eindruck.

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„Es gibt keine schlimmere Rivalin als diejenige, die nicht existiert.“ Dies ist nur eine der Äußerungen, die nachdenklich stimmt und das romanbasierte Drama durchzieht wie eine stille Wehklage. Dass die Hauptfigur namens Claire eine 50-jährige, geschiedene Dozentin ist, die ihren Ehemann an eine Jüngere verlor und nun eine Affäre mit einem Jungspund unterhält, mutet zunächst leicht klischeehaft an. Da man diesbezüglich allerdings auf altbekannte Soap-Mechanismen verzichtete und diese Umstände rasch in den Hintergrund des Handlungsgefüges treten, erweist sich diese Annahme allerdings als vorschnelle Verurteilung. Stattdessen gelingt es dem algerischstämmigen Regisseur mit ruhiger Hand und sensiblem Gespür, ein ehrliches und melancholisierendes Porträt über Identitätsdiebstahl, virtuelle Anonymität und die Schwierigkeit des Alterns zu inszenieren, in dem das psychische Durcheinander der Protagonistin oberste Priorität erhält. Entgegen des normalen Rechtsbewusstseins hegt der Zuschauer rasch Sympathie und Verständnis für die „Catfisherin“ und beobachtet mit Spannung, wie sie während der Vorlesungen geistesabwesend mit ihrem Objekt der Begierde chattet und sich sogar zu öffentlichem Telefonsex hinreißen lässt. Während es Szenen voller sinnlicher, nie jedoch voyeuristischer Erotik gibt, macht es insbesondere die doppelbödige Schlussphase dem Zuschauer schwer, zwischen Wahrheit und Fiktion zu unterscheiden. Exakt darin liegt vermutlich die größte Stärke des Skripts, das auch besitzergreifende Tendenzen grandios skizziert und Aufarbeitung und Zynismus elegant miteinander verwebt. Neben einer effektvollen Kameraarbeit wurde speziell die musikalische Untermalung bewusst spärlich gehalten, aber mutet nicht minder genial an und wurde exakt in den signifikanten Momenten eingesetzt. Inmitten eines harmonischen, kleinen Ensembles brilliert vor allem die Hauptperson, welche von Oscarpreisträgerin Juliette Binoche geradezu meisterhaft verkörpert wird. Mit enormem Facettenreichtum und ungebrochener Glaubwürdigkeit tritt sie den Beweis an, dass in schauspielerischer Hinsicht weniger oft mehr ist. Doch auch François Civil liefert in der Rolle des jungen Fotografen Alex einen starken, überaus charismatischen Auftritt.

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Ähnlich wie „Elle“ ist auch dieses Werk in vielen Belangen unangenehm und vielleicht gerade deswegen von so nachwirkendem Naturell, ohne den Selbstanspruch als „Geschichte, die das Leben schreibt“ aus dem Blick zu verlieren. Das französische Komitee wählte mit „Die Wütenden“ zwar einen anderen Film als offizielle Oscarentsendung aus, dennoch erweist sich „So Wie Du Mich Willst“ als ein anspruchsvolles Drama mit unterschiedlichen Lesarten, dessen Sichtung sowohl involviert als auch berührt. Was nicht zuletzt bleibt, ist die Erkenntnis, dass das Internet vielerlei Segen mit sich bringt, demgegenüber aber auch dazu verführen kann, immensen, seelischen Schmerz zuzufügen.

F 2019 – 102 Minuten
Regie: Safy Nebbou
Genre: Drama
Darsteller: Juliette Binoche, François Civil, Nicole Garcia, Marie-Ange Casta, Guillaume Gouix, Charles Berling, Jules Houplain, Jules Gauzelin, Francis Leplay, Pierre Giraud, Claude Perron
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