Liebe (OT: Amour)

Was machen wir eigentlich, wenn jemand den wir lieben nicht mehr im Stande ist für sich selber zu sorgen? Wenn der eigene Partner, der einen vielleicht Jahrzehnte begleitet hat, nicht mehr am gemeinsamen Leben teilnehmen kann? Wenn man selber eigentlich schon in einem Alter ist, in dem man selber Hilfe braucht? Was ist das für ein Gefühl einen geliebten Menschen dahinvegetieren zu sehen? Zeuge zu sein, wie von einem ehemals hellwachen und smarten Verstand nichts mehr übrig bleibt außer einer leeren Hülle? Was würden wir machen?

Michael Haneke geht das Thema sehr ruhig, fast schon kühl an: Wir werden hautnah Zeuge wie die pensionierten Musiklehrer Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anne (Emmanuelle Riva) trotz ihrem hohen Alter noch Spaß am Leben und an vor allem an ihrer Liebe haben; sich gegenseitig stützen. Und dann von einem Moment auf den anderen versiegt Anne und Georges muss sich um seine Frau kümmern: Sie füttern, sie duschen, ihre Windeln wechseln. Er vergrault die Pflegerin und muss sich von ihr als böser, alter Mann bezeichnen lassen. Aber vielleicht ist er auch einfach nur verzweifelt, denn ihm Vergleich zu seine Frau empfand ich Georges als den devoteren Part in der Beziehung. Und auch wenn in dem Film kein einziges Mal das Wort Liebe ausgesprochen wird: Wie werden tatsächlich Zeuge von wahrer Liebe im Alter. Georges liebt Anne in so einem Maße, dass er es am Ende nicht mehr ertragen kann nur noch ihre leere Hülle vor sich liegen zu sehen. Ich glaube viele würden in so einer Situation ähnlich regieren. Die Liebe, wie der Tod gehören zum Leben dazu; und wenn wir jemanden gefunden haben, den wir lieben, dann sind wir auch zu den größten Opfern und Entbehrungen bereit. So wie Georges.

Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva geben das kultivierte Paar ab der ersten Sekunde mit großer Hingabe und Vertrautheit. Vor allem Trintignant trägt den Film die meiste Zeit fast im Alleingang: Wenn er Anne duscht, dann fällt es ihm schwer; wenn er sie stützt und mit ihr durch die Wohnung geht, dann tut ihm jeder Schritt fast genau so sehr weh wie Anne. Selbst wenn er die Pflegerin anschnautz und aus der Wohnung wirft, können wir das nachvollziehen. Ein bemerkenswertes Spiel von Trintignant. Emmanuelle Riva wird da erst richtig gefordert und wächst über sich hinaus, wenn sie eigentlich am wenigsten zu tun hat, außer im Bett zu liegen. Es erfüllt einem mit tiefen Schmerz, sie dort liegen zu sehen; gänzlich unfähig auch nur einen klaren Gedanken zu formulieren und mit ihrem Mann auf der alten Art und Weise zu kommunizieren. Mit jeder Minute Filmlaufzeit wird Anne zu einer leeren Gestalt und Riva verkörpert sie auf den Punkt genau und mit allen Facetten.

Haneke sagte, dass Amour sein persönlichster Film wäre, weil er selbst schon so eine Situation mit seiner Tante mitgemacht hatte, die ihn aufzog. In jeder Sekunde des Filmes – der außer zwei Pianostücken ganz ohne Score auskommt – weiß Haneke was er zu tun hat, wo er seine Kamera einfach nur still halten und seine beiden Schauspieler beobachten muss. Es hat schon fast was voyeuristisches an sich. Aber im Endeffekt ist genau diese Herangehensweise von Haneke genau die richtige: Er beobachtet Trintignant und Riva, dirigiert sie vor jeder Szene und lässt sie sonst spielen. Auf schnelle Schnitte verzichtet er und so sind die Schauspieler gezwungen reale Gefühle und Regungen zu spüren; wie z. B. bei den Gesprächen zwischen George und seiner Tochter (Isabelle Huppert), wo am Anfang nicht schon nach wenigen Sekunden schnell umgeschnitten wird, sondern die Kamera bleibt auf dem Gesicht von George und fängt jede Regung ein. Auch sehr schön zu sehen beim ersten deutlichen Anzeichen der Krankheit von Anne in der Küche: Die Kamera bleibt nah und lange bei den beiden und beobachtet. Haneke beobachtet und dadurch auch wir.

Die Filme von Michael Haneke waren eines nie: Einfach; und genau so ist auch Liebe/Amour kein einfacher Film. Ganz im Gegenteil: Es ist ein unbequemer Film, mit einem unbequemen Thema, dem wir uns aber alle einmal stellen müssen und auch stellen sollten. Haneke hat dazu einen wichtigen Beitrag abgeliefert; und das steht ganz außer Frage.

Nichts im Leben ist so sicher wie der Tod. Aber mit jemanden an seiner Seite kann es ein schöner und langer Weg bis dorthin sein.

Frankreich, Deutschland, Österreich – 2012 – 2 Std. 6 Min.
Regie: Michael Haneke
mit Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva und Isabelle Huppert
Genre: Drama

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  • Stefan T.

    Da hast du es immerhin früher geschafft, den Film zu sehen als Patrick! 😀 😛

  • Johannes

    so unangenehm der Film auch ist, so angenehm ist dafür deine Kritik 🙂 Bravo Stephan.

  • Heiko_S

    Kann ich nur voll und ganz unterschreiben, wieder mal großartig geschrieben. Mir ging der Film auch unter die Haut wie schon lange keiner mehr. Und Rivas geniales Spiel rührt einen wirklich zu Tränen.

  • Also schauspielertechnisch ist beim Film alles 1a. Aber die Story an sich hat mich jetzt nicht so umgehauen.

    Ist aber trotzdem sehenswert!