Freier Fall

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Da Patrick schon eine Kritik zu diesem Film geschrieben hat und ich viele Aspekte in ähnlichem Licht betrachte wie er, werde ich versuchen, mich kürzer zu fassen als üblich. 😀 Mit Ausnahme einiger großartiger Filme wie “Brokeback Mountain” oder “Aimée & Jaguar” verursachen nahezu alle Filme mit homosexuellem Inhalt, insbesondere deutsche, bei mir des Öfteren Magenkrämpfe, weil sie zumeist plakativ, oberflächlich oder sogar karikierend sind, Mitleid erregen wollen oder Vorurteile beziehungsweise Klischees bestärken. Dies war im Falle von “Freier Fall” glücklicherweise überhaupt nicht der Fall!

Das Regiedebüt von Stephan Lacant war insgesamt gesehen wirklich hervorragend, was sowohl an der idealen Länge und der zurückhaltenden, dennoch fokussierten Erzählart als auch an den grandiosen Leistungen der beiden Hauptdarsteller liegt. Hanno Koffler und Max Riemelt, beide heterosexuell, spielten die aufkeimende Leidenschaft mit selten gesehener Inbrunst und Glaubhaftigkeit, insbesondere in den anspruchsvollen Sexszenen. Sie transportierten die Emotionen perfekt und punkteten beide fast ausschließlich durch Mimik und Gestik – es bedurfte oftmals auch gar keiner Worte! (Gerade in deutschen Produktionen muss man sowas ja meistens verzweifelt suchen.)

Einige Szenen (z.B. das unerwartete Liebesgeständnis), also nicht nur die erotischen, bleiben einem nachwirkend im Gedächtnis. Weitere positive Belange sind u.a. die gekonnte Kameraarbeit und der Einsatz einiger inszenatorischer, sich wiederholender Symbole. Beispielsweise gefiel mir, dass die beiden Männer sich immer wieder zum Joggen trafen und sich irgendwann nicht mehr gegen ihre Gefühle wehrten. Als Krönung des Ganzen empfand ich jedoch die Tatsache, dass die wenigen Dialoge echt bahnbrechend realistisch waren. Es gab schonungslose Sequenzen, welche den (gerade in dem gewählten Beruf üblichen) hohen Grad der Ausgrenzung exakt beleuchteten und zudem fielen Sätze (“So haben wir dich nicht erzogen!”), mit denen viele Schwule während ihres Coming-Outs konfrontiert werden. Ich spreche da aus Erfahrung… Und gerade das unterstrich die zutiefst ehrliche und unverklärte Herangehensweise an das leider wohl niemals selbstverständlich werdende Sujet. Anders als Patrick fand ich die Handlungsführung konsequent und mochte besonders, dass es kein übereiltes Happy-End gab.

Es gab allerdings auch einige Punkte, die “Freier Fall” letzten Endes zu einem überdurschnittlich guten Film, aber eben auch nicht zu einem Meisterwerk machen. Einerseits habe ich mich, weil ansonsten alles passte und feinfühlig erzählt worden ist, über zwei Klischees echt geärgert. In welcher Umgebung haben die beiden Kerle wohl zum ersten Mal hemmungslosen Sex? Na!? Klar – im Freiem, bei strömendem Regen! Das hat man leider schon 1000-fach zuvor gesehen und hätte vermieden werden können. Gleiches trifft auf die Charakterzeichnung der Lebensgefährtin des Protagonisten zu. Sie wird dümmlich-naiv dargestellt, indem sie wegen der mehrfachen nächtlichen Abwesenheit seine Nachrichten liest und ihr natürlich trotz der Augenscheinlichkeit keinesfalls in den Sinn kommt, dass er mit dem männlichen Absender nicht nur Kaffee trinken könnte… Überhaupt war die Darstellung von Katharina Schüttler für mein Empfinden eine einzige Katastophe, weil ich ihr einfach nichts von dem, was sie sagte oder tat, abkaufte! Nur in der von Patrick angesprochenen Duschszene glänzte sie kurzzeitig. Maren Kroymanns kurzer Auftritt als intolerante Mutter machte die eklatante Fehlbesetzung allerdings fast wieder wett. Ein paar zusätzliche Dialoge hätten zudem auch nicht geschadet.

Dennoch war ich in der Gesamtheit positiv überrascht und kann den Film uneingeschränkt weiterempfehlen. Zwar kenne ich unseren deutschen Oscar-Beitrag bisher noch nicht und kann folglich keine qualitativen Vergleiche ziehen, doch ein bisschen schade ist es doch, dass eine derart ehrliche, intensive und nichtsdestotrotz eigenwillige Kinoproduktion wie “Freier Fall” nicht nominiert wurde. An der bisweilen auftretenden Homophobie wird es hoffentlich nicht gelegen haben… Für die Qualität spricht allerdings auch, dass ich mich doch wieder nicht kurz fassen konnte. 😀

Wertung75

 

D 2013 – 101 Minuten
Regie: Stephan Lacant
mit: Hanno Koffler, Max Riemelt, Katharina Schüttler, Oliver Bröcker, Maren Kroymann
Genre: Drama

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  • Patrick

    Ich fühle mich geehrt, dass ich in Deiner Kritik zum Film mehrfach namentlich erwähnt wurde und das wir ziemlich überein gestimmt haben, was die positiven und (kleinen) negativen Kritikpunkte anbelangt! Insgesamt sehenswert. Als Oscarbeitrag wäre er allerdings wirklich Chancenlos gewesen, lohnt sich dennoch.