Ein ganzes halbes Jahr (OT: Me Before You)


Louisa Clark (Emilia Clarke) ist 26, ein Freigeist und wahrer Sonnenschein. Auch wenn sie mal wieder einen Job verliert, mit dem sie ihren arbeitslosen Vater Bernard (Brendan Coyle) finanziell unterstützt. Doch das Schicksal meint es gut mit ihr und so ergattert Louisa über das Arbeitsamt eine gut bezahlte Anstellung als Pflegekraft des, seit einem zwei Jahre zurückliegenden Unfall, querschnittsgelähmten William Traynor (Sam Claflin).
Vor diesem Unfall war William ein erfolgfreicher und bei seinen Kollegen beliebter Finanzexperte, hatte eine gutaussehende Freundin und genoss das Leben in vollen Zügen. Seitdem hat er sich aber zu einem zynischen, verbitterten jungen Mann entwickelt.

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Doch Louisa lässt sich so schnell nicht unterkriegen und erträgt Wills anfängliches abfälliges Verhalten, auch wenn sie deswegen öfter von ihrer Schwester Katrina (Jenna-Louise Coleman) aufgemuntert werden muss. Und Louisas egozentrischer Freund Patrick (Matthew Lewis) ist ihr auch keine große Hilfe, im Gegenteil.
Wills Eltern (Janet McTeer und Charles Dance) unterstützen sie jedoch tatkräftig, da sie sich von Louisa erhoffen ihn auf andere Gedanken zu bringen. Denn Will hatte seine Eltern vor einiger Zeit um Sterbehilfe gebeten, was diese kategorisch ablehnten, woraufhin er einen Suizidversuch unternommen hatte…

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Mehr sei zur Story nicht verraten. Nur so viel, das Thema Euthanasie spielt definitiv eine große Rolle in dieser sowohl herzzereißenden, als auch, trotz des Sujets, erstaunlich humorvollen britischen Kinoperle. Taschentuch-Alarm ist dennoch vorprogrammiert!
Dies liegt zum einen an dem wundervoll geschriebenen Drehbuch von Jojo Moyes, die damit ihren eigenen Bestseller für die Kinoleinwand umsetzte, als auch an der behutsamen Regieführung der gefeierten Theater-Regisseurin Thea Sharrock, die mit “Me Before You” ihr mehr als gelungenes Langfilmdebüt gibt.
Natürlich erinnert die Vorgehensweise ein hochdramatisches Thema über weite Strecken beschwingt zu erzählen ein wenig an die Romane von John Green, insbesondere “Das Schicksal ist ein mieser Verräter”. Sharrock und Moyes kopieren dieses Rezept jedoch nicht einfach, sondern variieren es auf ihre ganz eigene Weise.

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Des Weiteren muss man auch die wunderbare Kameraarbeit von Remi Adefarasin (“Match Point”, “Elizabeth”), sowie den traumhaft schönen, passenden Score von Craig Armstrong (“Tatsächlich… Liebe”) loben. Aber auch die Kostümabteilung macht einen exzellenten Job und steckt Emilia Clarke hier in die grotesksten, nerdigsten, anbetungswürdigsten Outfits, die man in einem zeitgenössischen Film zuletzt gesehen hat ohne dabei aufgesetzt oder zu übertrieben zu wirken.

“Me Before You” lebt aber natürlich ganz besonders durch seinen britischen All Star Cast, der besonders Serien(und “Harry Potter”)freunde in Verzückung geraten lässt. Ich meine endlich treffen Tywin Lennister und Daenerys Targaryen persönlich aufeinander. 😉
Aber im Ernst, der Cast ist bis in die kleinste Nebenrolle makellos besetzt (Joanna Lumley liefert zudem ein herriches Cameo), wird aber von seinem perfekten Hauptdarsteller-Duo getragen.
Zwischen Emilia Clarke und Sam Claflin sprühen hier nur so die Funken, wie ich es schon länger nicht mehr erlebt habe. In der Tat eine Chemie die ihresgleichen sucht.
Zudem ist Clarke hier in wirklich jeder einzelnen Szene so zuckersüß, strahlend und einfach nur hinreißend, dass ich mich mehrfach an Julia Roberts in “Pretty Woman” erinnert fühlte. Eine absolute 180°-Kehre zu ihrer (bislang) bekanntesten Rolle in “Game of Thrones”.
Sie hat definitiv das Zeug dazu “Britain’s (und America’s) Next Sweetheart” zu werden. Und Claflin hat sich (natürlich besonders durch eine bestimmte Szene) als neuer Wunschkandidat für den nächsten “James Bond” qualifiziert!

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Im Vorfeld wurden über “Ein ganzes halbes Jahr” übrigens auch einige negative Stimmen laut, teils auch von Menschen mit Behinderungen selbst, dass dieser Film implizieren würde, ein Leben mit Behinderung sei unter Umständen kein lebenswertes. In meinen Augen ist das aber ausgemachter Blödsinn!

Natürlich will die Hauptperson in dieser Geschichte sterben und dies wird auch nicht explizit als schlecht oder falsch angesehen, aber das ist auch in keinster Weise die Intention der Autorin.
Es geht hier vielmehr um das Thema Selbstverwirklichung vs. Selbstbestimmung. Was will und kann ich aus meinem Leben machen und wie kann bzw. darf ich handeln, wenn ich nicht (mehr) in der Lage bin diese Ziele zu erreichen. Behinderte werden hier aber niemals per se als lebensunwürdig dargestellt. Es werden im Gegenteil sogar ausdrücklich Beispiele genannt und vorgeschlagen, wie man mit einer veränderten Lebenssituation, wie einer Behinderung, umgehen könnte, vorausgesetzt man will das auch.

Wer sich also mit der gesamten Thematik um Sterbehilfe und Lebenswürdigkeit schwer tut bzw. grundsätzlich voreingenommen ist, sollte daher eventuell besser einen Bogen um den Film machen.
Alle Anderen dürften aber knapp zwei unterhaltsame, urkomische, wie todtraurige Stunden im Kino mit einem nahezu perfekten Film genießen. Bei mir war dies zumindest der Fall!


UK / USA – 2015 – 1 Std. 50 Min.
Regie: Thea Sharrock
mit Emilia Clarke, Sam Claflin, Janet McTeer, Charles Dance, Brendan Coyle, Jenna-Louise Coleman, Matthew Lewis, Ben Lloyd-Hughes, Vanessa Kirby, Steve Peacocke, Samantha Spiro & Joanna Lumley
Genre: Drama / Komödie

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5 Responses to Ein ganzes halbes Jahr (OT: Me Before You)

  1. Melanie Maria sagt:

    klingt super, wollte den eigentlich nciht schauen,da ich den titel so kitschig fand. aber jetzt hab ich lust drauf 🙂

  2. Patrick sagt:

    geht mir genauso, nun haste mich! Will den sehen, dank Dir!!! Bin gespannt!

  3. Patrick sagt:

    Aber bin so nah am Wasser gebaut bei solchen Thematiken! Oh oh…. ;-P

  4. Dennis sagt:

    Ich fand ihn leider sehr kitschig und vor allem unglaublich unangenehm klischeebeladen. Die Schlußszene ist allerdings gelungen und setzt sich zum Glück vom positiv vom Rest ab. Und obwohl ich "Khaleesi" eigentlich mag, hat sie mir in dieser Rolle zu viel Overacting an den Tag gelegt. Alle Emotionen und Ausdrücke waren irgendwie too much. Da muss sie noch etwas wachsen.

    Würde euch zu dem Thema aber mal den Film "Hin und weg" mit Florian David Fitz und Jürgen Vogel ans Herz legen. Der kommt komplett ohne Kitsch aus und berührt einen trotzdem sehr.

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