Film des Monats: Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind (OT: Fantastic Beasts and where to find them)

1

Sicherlich gebe ich kein Mysterium preis, indem ich noch einmal betone, dass die als zehnjährige Oktologie auf der Leinwand veröffentlichte Saga um den jungen Zauberlehrling Harry Potter für mich die gelungenste Filmreihe aller Zeiten bildet, die mein parallel zu den Protagonisten laufendes Erwachsenwerden in unvergleichlicher Weise prägte. Dementsprechend enthusiastisch und vorfreudig war ich nach Ankündigung einer ganz neu gearteten Adaption mit Wurzeln im Potter-Universum, die allerdings im Grunde genommen weder Prequel noch Sequel darstellen sollte und nur lose auf dem gleichnamigen Sachbuch orientiert. Dabei agierte die mittlerweile zur Milliardärin avancierte Joanne K. Rowling erstmals als Drehbuchautorin, was ihr folglich viel Raum bot, eine Geschichte ganz nach ihren Wünschen zu entwerfen, ohne zu sehr an literarischen Wortlauten haften zu bleiben. Das filmische, erneut aufwändig inszenierte Resultat erzielte in unzähligen Staaten nicht nur die besten Starteinspielergebnisse überhaupt, sondern kann sich trotz immenser Erwartungen und einiger, nicht von der Hand zu weisender Mankos zweifelsohne sehen und erleben lassen.

2

Mehr als ein halbes Jahrhundert vor dem turbulenten Eintritt Harry Potters ins Leben begibt sich der weiterhin auf dem Regiestuhl Platz nehmende David Yates zusammen mit den Zuschauern anhand des weltenbummelnden, exzentrischen Magizoologen Newt Scamander auf die Reise über den Atlantik. Die New Yorker Muggel-Gesellschaft der Goldenen Zwanziger wird durch wiederkehrende Angriffe einer unbekannten Kreatur heimgesucht, sodass der Verdacht schnell auf das animalische Sammelsurium des Neuankömmlings fällt. Neben verdeckten Anspielungen auf gegenwärtige Aspekte zogen sich neben allerhand Humor auf Kosten der raffiniert animierten Kreaturen auch wohldosierte Reminiszenzen durch den zwischen Tempo und Ruhephasen pendelnden Zweistünder, wohingegen man auch düstere, von raumgreifenden Kameraperspektiven effektvoll eingefangene Sequenzen vorfindet. Einige Personenentwicklungen sowie der recht ausgedehnte Schlusspart hätten einiger Optimierungen bedurft, um noch mehr mitzureißen, demgegenüber sorgte James Newton Howard mit seinen großartig arrangierten Klängen für eine adäquate Anknüpfung an die inzwischen Kultstatus genießenden Potter’schen Kompositionen von Williams und Desplat. Auch unter handwerklich-visuellen Gesichtspunkten bewegten sich die Kreationen aller Beteiligten, allen voran der Kostümdesigner und Setdekorateuren auf allerhöchstem Genre-Niveau, was auch die Effektgestaltung einschließt, die nur gelegentlich eine Portion zu überladen anmutet.

3

Ganz besonders im Hinblick auf die langwierig zusammengestellte Darstellerriege sollte man sich wiederum hüten, Vergleiche zum gigantischen All-Star-Ensemble rund um Alan Rickman, Maggie Smith, Julie Walters und Ralph Fiennes zu ziehen, dennoch merkt man sämtlichen Beteiligten ein hohes Maß an Spielfreude und Präsenz an. Oscargewinner Eddie Redmayne, der im Besetzungsprozess u.a. Nicholas Hoult ausstechen konnte, passte mit seiner leicht distanzierten, aber uneingeschränkt liebenswerten Art nahezu perfekt in die Hauptrolle und entbietet als Identifikationsträger viele charmante Züge. Während Alison Sudol ebenfalls eine zuckersüße Performance lieferte und insbesondere im zarten, amourösen Zusammenspiel mit dem amüsanten Dan Fogler zu überzeugen wusste, tat sich speziell Colin Farrell nach seiner grandiosen Leistung in “Fräulein Julie” diesmal leider wieder als moderate Fehlbesetzung hervor, wofür allerdings Kurzauftritte von Samantha Morton, Jon Voight und Carmen Ejogo entschädigten.

4

Im Gegensatz zur vielfach gescholtenen, fast bis ins Endlose ausgewalzten “Hobbit”-Trilogie hat “Phantastische Tierwesen Und Wo Sie Zu Finden Sind” seine unbestreitbare Daseinsberechtigung und vermag, nahezu alle Altersklassen gleichermaßen zu unterhalten. Wenngleich ich mir in Summe einen Hauch mehr versprochen hatte, beweist der Auftakt des Spin-Offs vor allem, dass Rowlings magische, zeitlose & nahezu bis ins kleinste Detail durchdachte Geschichten folglich noch lange nicht zu Ende erzählt sind und derzeit nicht nur aus finanziellen Erwägungen die Kinosäle dieser Welt füllen. Man darf vor allem gespannt sein, welche Richtung die kommenden Werke nun einschlagen werden und in welcher Weise die Synthese zu den altbekannten Ereignissen in Hogwarts hergestellt werden wird…

UK / USA 2016 – 133 Minuten Regie: David Yates Genre: Abenteuer / Fantasy Darsteller: Eddie Redmayne, Katherine Waterston, Ezra Miller, Dan Fogler, Alison Sudol, Colin Farrell, Faith Wood-Blagrove, Samantha Morton, Ron Perlman, Jon Voight, Carmen Ejogo, Johnny Depp
UK / USA 2016 – 133 Minuten
Regie: David Yates
Genre: Abenteuer / Fantasy
Darsteller: Eddie Redmayne, Katherine Waterston, Ezra Miller, Dan Fogler, Alison Sudol, Colin Farrell, Faith Wood-Blagrove, Samantha Morton, Ron Perlman, Jon Voight, Carmen Ejogo, Johnny Depp
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Artikel-Serien, Film des Monats, Filme, Oscar Contender, Reviews. Fügen Sie den permalink zu Ihren Favoriten hinzu.
  • Patrick

    Schön gschriebene Kritik, auch mit der kleinen Verknüpfung der Potter-Reihe. Ob ich ihn mir nun aber anschauen soll, bin ich mir allerdings noch unsicher.

    Andere Stimmen?

  • kaik

    Besser als das Hobbit-Zeugs. Die Kritik gefällt mir – sehe es auch so und 7/10 vergebe ich. Sind echt wunderbare Kinderfilme und machen Spaß.

  • Stefan T.

    Es wäre übrigens überaus nett, wenn mal jemand das Plakat für den "Film des Monats" auf die Startseite setzen könnte, solange der Monat schon wieder vorbei ist. Vielen Dank im Voraus. 🙂