Labor Day

Labor Day 8
„Ich glaube nicht, dass der Verlust meines Vaters das Herz meiner Mutter brach, sondern der Verlust der Liebe an sich.”

Adele (Kate Winslet) ist eine allein erziehende Mutter aus New Hampshire und chronisch depressiv. Selbst Autofahren bereitet ihr Schwierigkeiten. Ihr 13-jähriger Sohn Henry (Gattlin Griffith) kümmert sich rührend um sie. Doch Adele, die mehrere Fehlgeburten erlitt und der ihr Mann weglief, kommt aus ihrer Lethargie nicht heraus. Der gemeinsame Einkauf von Vorräten im Supermarkt ist eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen sie das Haus verlässt – diesmal, am Tag vor dem Maifeiertag, sollte der Einkauf ihr Leben verändern: Der wegen Mordes verurteilte und aus dem Knast entflohene Sträfling Frank (Josh Brolin) bedroht Adele und ihren Sohn und verlangt von ihnen, dass sie ihm Unterschlupf gewähren. Doch während des langen Wochenendes wandelt sich die Lage: Frank, eigentlich ein anständiger Kerl, nimmt mehr und mehr die Rolle des Retters von Adeles gebrochenem Herzen und eines Ersatzvaters ein…

Es gibt absonderliche, schwer nachvollziehbare Liebesgeschichten. Die Romanze von Adele Wheeler und Frank Chambers in „Labor Day“ zählt dazu und ist zugleich auch eine Krimi und eine Coming-Of-Age-Geschichte. Titelgebend ist das lange US-Feiertagswochenende Anfang September. Der Film spielt an ein paar heißen Sommertagen im Jahr 1987 in einer Kleinstadt in New Hampshire. Vorlage ist der Bestseller der US-Autorin Joyce Maynard. In Deutschland trägt ihr Roman den eher süßlichen Titel „Der Duft des Sommers“, der aber sicherlich dafür gesorgt hätte, dass der Film größere Beachtung an den deutschen Kinokassen gefunden hätte.

“Labor Day“ hätte leicht kitschig und melodramatisch werden können. Doch Regisseur Jason Reitman, der auch den Roman für die Leinwand adaptierte, hält die ungewöhnliche Liebesgeschichte mit einer unterschwelligen Spannung zusammen. Es ist sein erstes Drama ohne den typischen Witz seiner Teenagerkomödien „Juno“ und der Tragikomödien „Up In The Air“ und „Young Adult“ und punktet vor allem durch seine sensible Inszenierung und hervorragenden darstellerischen Leistungen.

Labor Day 3
Bedrohung und Halt – ein Wechselbad der Gefühle für Adele, Frank und Sohn Henry

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des erwachsenen Henry, gespielt von Tobey Maguire, der aber nur kurz auf der Leinwand zu sehen ist. Den wichtigeren Part hat der 15-jährige Nachwuchsstar Gattlin Griffith (bekannt aus Clint Eastwoods „Der fremde Sohn“ mit Angelina Jolie). Er verkörpert den jüngeren Henry als sensiblen Teenager, der von den Problemen seiner Mutter und dem eigenen Erwachsenwerden überfordert ist und entspricht exakt dem Bild, wie ich ihn mir beim Lesen des Buches vorgestellt habe.

Die britische Oscar-Preisträgerin Kate Winslet (Der Vorleser) erhielt für ihre „Labor Day“-Rolle in diesem Jahr ihre bereits 10. (!) Golden-Globe- Nominierung als Schauspielerin in einem Drama. Sie war Reitmans Wunschkandidatin für die Rolle, die wie Variationen von „Little Children“ und „Zeiten des Aufruhrs“ anmuten, aber noch viel Komplexer ist. Besonders die physischen Ticks, wie das Zittern ihrer Hände und die panische Angst vor schwangeren Frauen vermittelt sie bravourös auf den Zuschauer, ohne dabei ihre subtile Qualität zu verlieren. Warum Amy Adams recht belanglose Darstellung in „American Hustle“ für eine Oscarnominierung bevorzugt wurde, ist schlichtweg unverständlich im direkten Vergleich was Komplexität und Nuanciertheit anbelangt.

Nach dem brutalen Action-Thriller „Oldboy“, kann Schauspieler Josh Brolin (Oscarnominierung für „Milk“) in „Labor Day“ hinter seiner Verbrecher-Fassade auch eine ungewohnt weiche Seite zeigen, die ihm sichtlich gut steht. Auch der Rest des Casts überzeugt in kleinen aber feinen Nebenrollen, allen voran Brooke Smith als überforderte Mutter eines behinderten Sohnes und J.K. Simons als aufdränglicher Nachbar. Auch der ehemalige Dawson´s Creek- Star James van der Beek kann als übereifriger Polizist für einige Spannungsmomente sorgen. Die schlichte aber wirkungsvolle Filmmusik von Rolfe Kent, im Stil von Thomas Newman, sowie die wundervolle Kameraarbeit von Eric Steelberg reihen sich in das positive Gesamtbild ein. Schon erstaunlich wie spannend vor allem das erste und letzte Drittel trotz des ruhigen Erzählstils gelungen ist. Daran erkennt man u.a. auch die Qualität der Inszenierung durch Jason Reitman.

Kritische Stimmen beanstanden vor allem das als Stockholm-Syndrom-betitelte Phänomen, welches aus einer bedrohlichen Situation eine Angenehme macht und die Bedrohlichung eher durch die Polizei als eigentlich beschützendes Organ macht und in der solch eine Liebesgeschichte auf engstem Raum entstehen kann. Natürlich wirkt für uns rational denkende Menschen dieser Main Plot etwas an den Haaren herbei gezogen, aber Frank macht von Anfang an keinen Hehl vor Henry daraus, dass er seine Mutter begehrenswert findet und fungiert als Retter von Adeles zerbrochener Seele. Wer sich damit anfreunden kann wird ein wundervoll-sensibles Drama geboten, das einen recht mutigen Schlussakkord setzt. Lediglich die Rückblenden auf die Umstände von Franks Tat wirken etwas befremdlich, doch fügen sich auch diese letztlich passend in das Gesamtbild mit ein.

F / IT / I 2013 - 130 Minuten Regie: Ashgar Farhadi  Genre: Familiendrama Darsteller: Bérénice Béjo, Tahar Rahim, Ali Mossafa, Sabrina Ouazani, Pauline Burlet
USA 2013 – 112 Minuten
Regie: Jason Reitman
Genre: Drama
Darsteller: Kate Winslet, Josh Brolin, Gatlin Griffith, Clark Gregg, Brooke Smith, J.K. Simmons, James van der Beek, Maika Monroe

 

Golden Globe Nominierung:

  • Beste Darstellerin in einem Drama (Kate Winslet)
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  • Stefan T.

    Intereressant und scheinbar sehr obejektiv geschrieben! Schade, dass der Film nirgends bei mir in der Nähe lief… 🙁

    • Patrick

      Echt eine Schande, bei uns lief der leider auch bereits in der 2. Woche nur noch um 14 Uhr und in der 3. Woche nur einmal um 12:30 Uhr. Aber bin ja froh, wenn ein Multiplexkino überhaupt mal so einen Film zeigt. Schade, dass da dann nur vereinzelt junge Leute reingehen, sonst nur älteres Publikum, die nichts kaufen. So werden Independentperlen und kleinere Produktionen immer mehr auf die Programmkinos geschoben, von denen es immer weniger gibt! Wirklich schade! Der Film hätte ein größeres Publikum verdient gehabt! Hoffe Euch gefällt er auch!

  • In der Tat ein sensibler Film über den Umgang mit tragischen Erlebnissen, die sich wie ein Trauma über alles im Leben legen.

    Besonders die Koch- und Backszenen mit dem Pfirsich gefielen mir. 🙂