Der Große Trip – Wild (OT: Wild)

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Zugegeben, ich bin nicht der größte Reese Witherspoon-Anhänger – nach ihren einstigen Oscargewinn für „Walk the Line“, an der Seite vom stets überragenden Joaquin Phoenix reihte sich ein mittelmäßiger Film nach dem Nächsten und wer ihr ihren Oscar seitdem missgönnt hat, wird sich nach dem Film eingestehen müssen, spätestens für diesen Film hat sie den Goldjungen sichtlich verdient. Was kann man darstellerisch erwarten von einer Frau, die sich in den Kopf gesetzt hat den PCT (Kurzform für Pacific Crest Trail, Westküste der USA) abzulaufen? Sowohl von der Strecke als auch von der Motivation der Wanderer ist diese Strecke mit dem europäischen Jakobsweg gleichsetzbar, so dass man als Zuschauer sich bewusst sein muss, hier einen Gewaltmarsch von über 1000 Meilen mit ansehen zu müssen, der ziemlich schnell hätte langweilig werden können, welches er abgesehen von der etwas naiv gezeichneten Charaktereinführung aber Gott sei Dank nicht ist.

Dies ist natürlich vor allem dem grandiosen Spiel von Miss Witherspoon geschuldet als auch der Kamera, der musikalischen Auswahl, aber vor allem durch die hervorragende Montagearbeit der Cutter, die langsam ihre Motive für ihre Reise offenbaren. Vor allem in den Sequenzen mit ihrer Mutter Bobbi, die von Laura Dern ausgesprochen beeindruckend dargeboten wurde und die sich allen Unkenrufen zum Trotz ihre Oscarnominierung, trotz verhältnismäßiger kurzen Leinwandpräsenz, redlich verdient hat, treffen den Zuschauer ins Mark. Wer, wie wir, unvoreingenommen in den Film geht, wird mehrmals erstaunt sein, um was für eine Persönlichkeit es sich bei Cheryl Strayed wirklich handelt, die Reese verkörpert wirklich alle Facetten bravourös und erlebt die Wiederauferstehung einer ins Straucheln gekommenen Seele. Hierfür nimmt sie brütende Hitze, klirrende Kälte und das immense Gewicht ihres Rucksacks in Kauf. Witzigerweise hat die echte Cheryl Strayed sogar einen famosen Gastauftritt im Film, der an dieser Stelle nicht verraten werden soll, denn den erfährt man am Ende im Abspann und hätte man so nicht erwartet.

Wild 2

Zurück zur Gestaltung des Werkes: Die massiven inneren Monologe wurden mit dem Voice-Over meines Erachtens sehr gut gelöst und harmonieren perfekt mit Reese nuanciertem Spiel. Einige Male hätte “Wild” in eine klischeehafte Darstellung eines Männerbildes abdriften können, doch „Dallas Buyers Club“-Regisseur Jean-Marc Valée und Drehbuchautor Nick Hornby führen den Zuschauer in diesen Momenten eher ihrer eigenen in Schubladen denkenden Sichtweise vor und fügen humoristische Einlagen wohldosiert in die Filmhandlung ein.

Wenn man sich auf den Film wirklich einlässt, hat man nach dem abrupten, aber durchaus poetischen Ende nach 116 Minuten hoffentlich einiges für sich aus dem Werk ziehen können. Mich und meine zwei männlichen Begleiter hat er tief bewegt und zum Nachdenken angeregt – was kann man mehr erwarten?

Wild 6

Für mich ist ein nahezu perfekter Film herausgekommen, den man unbedingt auf großer Leinwand gesehen haben sollte, da er dort wohl erst seine wahre Schönheit entfalten kann. Als alter Backpacker habe ich vielleicht auch eine kleine Affinität zu so einem Stoff, aber niemals hätte ich erwartet, dass er so viel Tiefe besitzt. Für mich die Überraschung des Filmjahres, der noch viel mehr Beachtung verdient hätte und der zu Unrecht an der deutschen Kinokasse zu floppen droht, obwohl er in Amerika diese Independent-Perle hingegen ein großer Erfolg war. Zurecht!

Wenn man denn unbedingt möchte, kann man ein wenig die naive Einführung der Filmfigur kritisieren und das Cheryl mit Sicherheit noch etwas verfilzter durch die Wildnis umhergestreift ist, doch Witherspoon agiert hier so charmant und fascettenreich, dass diee Kleinigkeitens nicht all zu groß ins Gewicht fallen. Anhänger von Sean Penns ebenfalls großartigem “Into the Wild” dürften auch mit “Wild” auf ihre Kosten kommen.

USA 2014 - 106 Minuten Regie: Damien Chazelle Genre: Psychodrama / Musikfilm Darsteller: Miles Teller, J.K. Simmons, Paul Reiser, Melissa Benoist, Austin Stowell, Suanne Spoke, Jayson Blair, Kavita Patel, Michael Cohen, April Grace
USA 2014 – 116 Minuten
Regie: Jean-Marc Valée
Genre: Drama / Biografie
Darsteller: Reese Witherspoon, Laura Dern, Gaby Hoffmann, Will Cuddy
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  • Paul

    Interessant wie unterschiedlich ihr beide den Film bewertet habt. Ist Reese Witherspoon wirklich so gut? Immerhin sprichst Du von Karrierebestleistung!