Auf Immer Und Ewig (OT: Ever After – A Cinderella Story)

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Innerhalb des letzten Quartals bin ich bereits auf drei verschiedene Adaptionen des Grimm’schen Märchens “Aschenputtel” zu sprechen gekommen, und dabei fiel mir im Zuge der jüngsten, heutigen Rezension auf, dass die aus meiner Sicht wohl mit Abstand gelungenste Produktion bisher unberücksichtigt geblieben ist, die seit meiner Kindheit einen tiefen Platz in meinem Filmherzen einnimmt. Obschon ebendieses Werk namens “Auf Immer Und Ewig”, das vor nunmehr sechzehn Jahren erstveröffentlicht worden ist, nicht den hohen Bekanntheitsgrad der Disney-Pendants besitzt, kann ich die Realverfilmung trotz des Wegfalls von Fantasyelementen schlicht und ergreifend nur als zauberhafte, zu Unrecht übergangene Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau betiteln.

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Regisseur Andy Tennant, der ein Jahr später “Anna Und Der König” neuverfilmte, verbindet die erhalten gebliebenen, personenkonstellatorischen Grundzüge und symbolischen Motive des Cinderella-Stoffes, die ins Frankreich der Frühen Neuzeit verlagert wurden, mit angenehm emanzipatorischem Anspruch und der Ausformung aufklärerischer Grundgedanken. Das hierin vorgefundene, zwischen Trotz und Unschuld pendelnde Aschenputtel namens Danielle kämpft aktiv um ihren Platz und im Besonderen um das Andenken ihrer geliebten, verstorbenen Eltern, gleichwohl läuft die Erzählung nicht – wie so oft – direkt auf ein allzu vorhersehbares Happy-End zu. Als besonders gelungen muss – neben dem fantastisch arrangierten Rahmen und der Vermittlung wertvoller, ethischer Werte – das hohe Maß an historischer Akkuratesse in Bezug auf die westeuropäische Heiratspolitik der Dynasten und die existentiellen Lebensumstände der ständischen Gesellschaft angesehen werden. Obwohl Persönlichkeiten wie die Gebrüder Grimm, Leonardo Da Vinci und Thomas Morus in die Handlung eingeflochten werden und der ebenfalls rebellische Prinz Henry zweifelsohne Heinrich II. nachempfunden wurde, entfernt sich der erzählerische Fokus nie von der zunächst diskursartig geführten Beziehung des Protagonistenpaares. Humorvolle Sequenzen mit modernem Touch, in der einige, märchenhafte Klischees widerlegt werden, wechseln sich wohldosiert mit unglaublich traurigen Momenten ab, die mir nicht nur im juvenilen Alter die Tränen in die Augen trieben, ohne sich dabei jedoch in übertriebener Süßlichkeit zu verlieren. Dass nur eine der beiden Stiefschwestern der Hauptfigur neidvoll und feindselig gegenübersteht, setzt ebenfalls einen gewinnbringenden, perspektivistisch erweiternden Akzent innerhalb des Zweistünders, der auch durch seine ungewöhnlich substantiellen Dialoge zu fesseln weiß. Des Weiteren überzeugt auch die opulente Ausstattung voll und ganz, insbesondere die vielfältigen und detailreichen Kostüme von Salvatore Ferragamo sowie die auserlesenen und vortrefflich ausgeleuchteten Drehorte erfreuen das Auge und gipfeln in der zentralen Szene des Maskenballs. Auch die wundervollen Kompositionen von George Fenton, der bereits für die musikalische Untermalung von “Gandhi” und “Gefährliche Liebschaften” verantwortlich war, bleiben langfristig im Gedächtnis und zeichnen sich im Falle des sich durch den Film ziehenden Hauptmotivs “Ever After” durch eine tiefgreifende, spürbare Empfindsamkeit aus.

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Ganz besonders Drew Barrymore, von der ich als Schauspielerin generell eher wenig halte, ist hier, symbolisiert durch das von ihr getragene, geflügelte Kleid, darstellerisch über sich hinausgewachsen und lässt den Zuschauer an einer tiefempfundenen, charmanten und facettenreichen Karrierebestleistung teilhaben. Ferner beweist Oscargewinnerin Anjelica Huston als antagonistische Baronesse De Ghent, welch teuflisch gute Schauspielerin sie ist, denn sie glänzt abgesehen von einigen Szenen, in der ihre Menschlichkeit aufblitzt, mithilfe gelebter, nominierungswürdiger Bösartigkeit, die man als Zuschauer auf ganzer Linie verachten darf. Hinzu gesellen sich hinreißende Auftritte von Megan Dodds als intrigante Stiefschwester voller herablassendem Jähzorn, Timothy West sowie Judy Parfitt als amüsantes Regentenpaar und die “Grande Dame” des französischen Films, Jeanne Moreau, in der Rolle der Erzählerin. Ein weiteres Mal muss der Darsteller des Prinzen, Dougray Scott, als schwächstes Glied eines ansonsten veritablen Ensembles angesehen werden, wenngleich seine Performance trotz einiger holpriger Momente immer noch durchaus sehenswert ist und sich die Chemie zwischen ihm und Barrymore harmonisch gestaltet hat.

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Dass außer einer dürftigen Nennung im Rahmen der “Sattelite Awards” keine weiteren Würdigungen erzielt werden konnten, war schon damals ein harter Schlag für mich, dessen Begründung sich mir bisher nicht erschlossen hat. Augenscheinlich ist die altersunabhängig ansprechende Romanze in einer Saison, die speziell in den stilistischen Sparten von den Kostüm- und Historienepen “Shakespeare In Love” und “Elizabeth” dominiert wurde, übersehen worden, doch gerade weil sie den Genannten weder optisch noch inhaltlich nachsteht, stößt die Ignoranz sämtlicher Filmpreisvereinigungen sauer auf. “Auf Immer Und Ewig” muss letzten Endes als weit mehr angesehen werden als eine seichte Schnulze vor aufwendig ausstaffierter Kulisse, sondern stellt für mich einen intelligent dramaturgisierten, warmherzigen und überzeugend gespielten Appell für Selbstbestimmung und gegen klassenbezogene Unterdrückung dar, der vielleicht zu den romantischsten Filmen gehört, die jemals die Kinoleinwand erblicken durften. Folglich verweist Tennants Aschenputtel-Version nicht nur sämtliche TV-Verfilmungen und die beiden Disney’schen Adaptionen, sondern auch den tschechisch-deutschen Weihnachtsklassiker “Drei Haselnüsse Für Aschenbrödel” eindeutig auf die Plätze.

USA / UK 1998 - 118 Minuten Regie: Andy Tennant Genre: Märchen / Romanze / Tragikomödie Darsteller: Drew Barrymore, Dougray Scott, Anjelica Huston, Megan Dodds, Melanie Lynskey, Patrick Godfrey, Timothy West, Judy Parfitt, Jeanne Moreau, Jeroen Krabbé, Lee Ingleby, Richard O’Brien, Kate Lansbury, Matyelok Gibbs, Anna Maguire
USA / UK 1998 – 118 Minuten
Regie: Andy Tennant
Genre: Märchen / Romanze / Tragikomödie
Darsteller: Drew Barrymore, Dougray Scott, Anjelica Huston, Megan Dodds, Melanie Lynskey, Patrick Godfrey, Timothy West, Judy Parfitt, Jeanne Moreau, Jeroen Krabbé, Lee Ingleby, Richard O’Brien, Kate Lansbury, Matyelok Gibbs, Anna Maguire
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  • Patrick

    Ui, dass sind mal lobende Worte! Ich kann mich nur noch dünn an die Verfilmung erinnern, da ich sie damals am Silvesternachmittag im Kino gesehen habe und seitdem nicht mehr. Fand den aber auch gut, hat sich bei mir aber nicht nachhaltig ins Gedächtnis gebrannt.

    Die Academy hatte wohl wirklich mit Elizabeth und Shakespeare in Love genügend Nominierungsstoff in der "Historensparte" oder hat darin nicht das Werk gesehen wie Du, I dont know!