God Bless America

Bonnie und Clyde? Mickey und Mallory? Lula und Sailor? Alles handzahme Menschenfreunde im Vergleich zu… FRANK UND ROXY!

Zugegeben: Die Vorzeichen für den neuen Film von Bob Goldthwait standen mehr als beschissen. Schließlich hegte ich noch immer einen sehr großen Hass auf seinen Film World’s Greatest Dad mit Robin Williams, den ich so unfassbar grottenschlecht fand, dass ich es nie fertig bekommen würde einen Kritik dazu zu schreiben, ohne mich permanent zu übergeben. Ja: Die Originalstimme von Mr. Floppy hatte bei mir erstmal richtig verschissen! Und dann schaute ich mir den ersten Trailer zu God Bless America an und dachte mir: Oh, das könnte von der Grundidee ganz interessant werden. Aber war mir auch klar, dass es der Film niemals hier in die Kinos schaffen würde und hoffte auf einen direkten Verleih-Start. Der sollte dann in diesem Jahr erfolgen und ich sage es mal so: Deutlich besser als World’s Greatest Dad, aber nicht für jeden geeignet. Denn was Goldthwait hier mit seinen beiden Hauptdarstellern Joel Murray und Tara Lynne Barr abliefert ist eine satirische Tour auf den Spuren von Natural Born Killers und American Idol. Ganz richtig gehört: Ich habe NBK und American Idol in einem Satz gesagt.

Die Story ist dabei recht schnell erzählt: Frank (Joel Murray) wird gleich mehrfach in die Fresse geschlagen, denn er verliert nicht nur seinen Job, sondern bekommt auch noch die Diagnose nur noch einige Monate zu leben. Shit happens! Also versumpft er in der Welt von Reality Soaps, Singwettbewerben und konservativer Propaganda und realisiert langsam was in diesem Land falsch läuft: Alles! Für ihn sind die Stars dieser geistigen Ergüsse die Eiterpickel der Gesellschaft, die durch den Voyeurismus der Zuschauer weiter fett werden und wuchern wie sein Krebsgeschwür. Was macht also ein Mann der nichts mehr zu verlieren hat? Er nimmt den Kampf auf! Nicht gegen seinen eigenen Krebs, sondern gegen den Krebs den die restliche Bevölkerung überfällt; ohne Rücksicht auf Verluste oder moralische Wertvorstellungen. Unterstützung bekommt er dabei von der gerade mal 16 Jahre alten Roxy (Tara Lynne Barr) und gemeinsam reißt das ungleiche Paar eine blutige Schneise durch die Welt von Reality TV und politischen Kommentatoren…

Eines muss man Bob Goldthwait wirklich zugute halten: Er zieht die Prämisse des Films ab der ersten Sekunde gnadenlos durch und es ist ihm egal ob irgendwelche Gutmenschen schon nach zwei (!) Minuten vollkommen empört den Film ausmachen. Ja: Über manche Szenen kann man durchaus diskutieren (vor allem die Szene nach zwei Minuten, auf die ich aber auch nicht näher eingehen möchte; vor allem weil sie für den Rest des Filmes keine wirklich Relevanz hat), aber im Laufe des Films entwickelt man für das ungleiche Paar eine so dermaßen große Sympathie, dass man ihre blutige Tour fast schon als Täter miterlebt. Natürlich ist der komplette Film als Satire gemeint und jeder der das Gegenteil behauptet, sollte mal dringend seinen Moralkompass ausrichten, aber doch entwickelt der Film zwischen den Taten von Frank und Roxy einige sehr schöne und ernste Momente mit diesem ungleichen Paar, die ich Goldthwait nicht unbedingt zugetraut hätte.

Wie schon gesagt: Der Film macht keine Verluste, ist nichts für Gutmenschen und ist von Anfang bis zum grandiosen Ende eine bitterböse Abrechnung mit dem US-amerikanischen Lebensstil. Er verhöhnt aufmerksamgeile Teilnehmer von Singwettbewerben, konservative Fernsehprediger die ungefiltert ihre Hasspredigen unter das Volk bringen dürfen und auch die bekannten Reality-Stars, zusammengefasst in der Person einer unfassbar unsympathischen und verhätschelten Teenagerin, bekommen ihr Fett ab. Goldthwait zeigt der Gesellschaft einfach nur ihre eigene ekelhafte Fratze und er hält ihr durch die Dialoge seiner beiden Hauptfiguren – in denen manchmal einfach nur aufgezählt wird was sie hassen – den Spiegel vor, wie schon lange niemand vor ihm. Ich möchte sogar so weit gehen und ihn mit dem Sidney Lumet-Klassiker Network vergleichen: Beide sind bitterböse Abrechnungen mit dem sogenannten American Dream. Nur ist God Bless America noch einen Ticken bösartiger und direkter. Trotzdem ist es ebenfalls eine spitze Satire und ein direkter Schlag in die Magengrube.

Ja: God Bless America! Aber bitte nicht dieses Amerika!


USA – 2011 – 1 Std. 40 Min.
Regie: Bob Goldthwait
mit Joel Murray, Tara Lynne Barr, Melinda Page Hamilton
Genre: Komödie

Meinungen aus der Blogosphäre:
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  • Judith

    Ich finde das Ende ja leider übertrieben kacke. Ein besseres wäre mir allerdings auch nicht eingefallen 😀 Aber so viel Misanthropie in einem Film. Ich war begeistert.

  • kaik

    Der Film ist ganz ok, bekäme bei mir 5,5….World’s Greatest Dad allerdings 7/10, weiß gar nicht, warum der dir nicht gefällt.