Happy 100th Birthday, Miss de Havilland!

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Heute auf den Tag genau vor einem Jahrhundert, als sich weite Teile des europäischen Kontinents im ersten Weltkrieg befanden, das Insulin entdeckt wurde und die Stummfilmära durch die schrittweise Gründung von Studiokonglomeraten ihre erste Blütezeit erreichte, erblickte eine Person das Licht der Welt, die wohl selbst nicht hätte erahnen können, dass sie nahezu alle Weggefährten ihrer Zunft überleben würde. Olivia de Havilland, eine der letzten verbliebenen Schauspiellegenden und neben Katherine Hepburn bekanntermaßen eine meiner meistgeschätzten Darstellerinnen der Filmgeschichte, feiert am heutigen Tag ihren 100. Geburtstag. Nicht nur der Umstand, dass die Vita der Aktrice, die anfangs als “die Frau im Schatten von Vivien Leigh” tituliert wurde, geprägt von unzähligen Anerkennungen, magnetisierenden Performances und allerhand privaten Bonmots ist, dürfte Grund genug darstellen, auf ihr in vielerlei Hinsicht außergewöhnliches Leben, das ihr hoffentlich noch viele gesunde Jahre beschert, zurückzublicken. Insbesondere in der bisweilen hart umkämpften Filmbranche stellt das Erreichen eines dreistelligen Lebensalters schließlich ein äußerst rares Jubiläum dar, das ich mit diesem Artikel zu zelebrieren und entsprechend zu würdigen gedenke…

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Unser berühmtes Geburtstagskind Olivia Mary de Havilland wurde am 1. Juli 1916 in der japanischen Metropole Tokio als erstgeborene Tochter eines britischen Anwalts und Dozenten sowie einer Theatermimin geboren. Ihr ursprünglicher Berufswunsch, als Grundschullehrerin zu arbeiten, währte nicht lange. In Folge einer frühen, familiären Faszination für das Schauspiel stand sie im Alter von sechzehn Jahren als “Alice im Wunderland” und vom Publikum trotz ihrer unscheinbaren Art gefeiert zum ersten Mal auf der Theaterbühne, wurde kurz darauf von Kritikern für die Leinwand empfohlen und schließlich für die Verfilmung von Williams Shakespeares “Ein Sommernachtstraum” (1935) engagiert. Im darauffolgenden Jahrfünft spielte sie insgesamt in acht Filmen an der Seite von Errol Flynn, u.a. in “Der Verrat Des Surat Khan” (1936), “Robin Hood” (1938) und “Günstling Einer Königin” (1939), sodass beide über Nacht zum Inbegriff des amerikanischen Traumpaares avancierten. Neben ihm soll sie Verklärungen und Gerüchten zufolge auch kurzlebige Affären mit James Stewart, Howard Hughes und John Huston unterhalten haben und führte zwei kurzlebige Ehen, aus denen zwei Kinder hervorgingen.

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Trotz allseits positiver Resonanz war es jedoch erst die herausragende Rolle der gutherzigen, tugendhaften Melanie Hamilton im bahnbrechenden Epos “Vom Winde Verweht” (1939), die ihr nicht nur zu ihrer ersten hochverdienten Oscarnominierung, sondern auch zum Durchbruch in der dramatischen Sparte verhalf. Seitdem zählte sie zu den gefragtesten Damen ihrer Generation und versuchte überdies außergewöhnlich früh, sich von den klammernden, langläufigen Verträgen des “Warner-Brothers”-Konzerns zu befreien. Die erfolgreiche Einklagung des Rechts auf eine selbstbestimmte Filmrollenwahl im Jahr 1944, ein beispielloser und in der Öffentlichkeit heiß diskutierter Präzedenzfall, wird auch heute noch anerkennend als “De-Havilland-Law” bezeichnet und trug entscheidend zum Ende der Dominanz des Studiosystems gegenüber Schauspielern bei.

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Seitdem arbeitete de Havilland ohne festes Engagement, was ihr ermöglichte, in die verschiedensten Charaktere zu schlüpfen und ihr enormes darstellerisches Spektrum unter Beweis zu stellen. Innerhalb von nur acht Jahren wurde sie ganze vier Mal als “Beste Hauptdarstellerin” nominiert. Für ihre außergewöhnlichen Darbietungen als aufopferungsvolle Jody Norris in “Mutterherz” (1946) und als unbedarfte Arzttochter in der Literaturverfilmung “Die Erbin” (1949) erhielt sie trotz starker Konkurrenz jeweils den Academy Award. Des Weiteren werden mir ihre Auftritte in “Meine Cousine Rachel” (1952), dem doppelbödigen Drama “Der Schwarze Spiegel” (1946) und ganz besonders in “Die Schlangengrube” (1948), dem allerersten Werk, das die katastrophalen Zustände in psychiatrischen Anstalten Amerikas thematisierte, in Erinnerung bleiben. In den 1960ern übernahm sie als erste Frau überhaupt den Jury-Vorsitz der Filmfestspiele von Cannes. Nachdem sie schließlich den bitterbösen Gegenpart von Betty Davis in “Wiegenlied Für Eine Leiche” (1964) als Ersatz für Joan Crawford spielte, nahm sie ab den 1970ern zunehmend kleinere Nebenrollen in Thrillern sowie straßenfegenden Miniserien wie “Roots” (1979) oder “Fackeln Im Sturm” (1985) an und gewann überdies 1987 ihren zweiten Golden-Globe für die Verkörperung der Zarin von Russland in “Anastasia”, welcher auch das faktische Ende ihrer ein halbes Jahrhundert andauernden Karriere markierte. 2008 erhielt sie schließlich als eine der wenigsten Darstellerinnen überhaupt die “National Medal of Arts”, die höchste Auszeichnung des US-amerikanischen Kongresses für Filmschaffende und lebt inzwischen seit mehreren Dekaden zurückgezogen in der französischen Hauptstadt, welche sie mehrfach als lebenswertesten Ort der Welt beschrieb.

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Besonders berüchtigt und medienwirksam war überdies ihre lebenslange, geschwisterliche Rivalität zur nur ein Jahr jüngeren Joan Fontaine, die bereits seit frühesten Kindheitstagen bestand. Beide Damen, gleichermaßen attraktiv, ehrgeizig und unnachgiebig, konnten sich im parallelen Zeitraum als profilierte Darstellerinnen etablieren und basierend auf Zeitzeugenberichten wirkt es beinahe so, als seien die beiden Schwestern förmlich zu innerfamiliärer Konkurrenz erzogen wurden. Zum endgültigen Bruch kam es aber erst auf der Oscarverleihung im Jahre 1942, als beide in derselben Kategorie eine Nominierung erhielten. Die jüngere der Geschwister gewann seinerzeit den Preis für Alfred Hitchcocks “Verdacht”, doch der Versuch von Seiten de Havillands, ihr dazu zu gratulieren, wurde von Fontaine schroff zurückgewiesen. Bis zu deren hochbetagtem Tod im Dezember 2013 sollen sie persönlich kein einziges Wort mehr miteinander gewechselt haben…

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Trotz ihres besonnenen Rückzugs aus dem Filmgeschäft vor weitaus mehr als zweieinhalb Dekaden engagierte sich Olivia de Havilland wiederholt humanitär und absolvierte bis vor Kurzem regelmäßig Interviews und TV-Auftritte, beispielsweise im Rahmen eines Oscar-Tributes im Jahr 2003. Über die Arbeit als Filmschaffende sagte sie einst sinngemäß, es sei ein träumerischer, aufregender und herausfordernder Beruf, der jedoch ebenso viele Entbehrungen mit sich bringe und den man zur Erhaltung der Gesundheit generell nur über einen begrenzten Zeitraum ausführen könne, womit sie vielen Akteuren aus der Seele spricht. Derzeit schreibt sie, noch immer in körperlich und geistig ungebrochener Verfassung an ihrer Autobiographie. Obwohl sie ironischer Weise im vielleicht größten Filmklassiker der Historie die einzige der vier Hauptdarsteller war, die zu Tode kam, überlebte sie sämtliche der Beteiligten aus “Vom Winde Verweht” um Jahrzehnte und betrachtet sowohl den Film als auch ihr Mitwirken darin noch heute als wahrgewordenes Märchen. Spätestens nach dem Ableben von Elizabeth Taylor (2011) sowie Luise Rainer (2014) gilt die nunmehr Einhundertjährige endgültig als der letzte verbliebene, begnadete Filmstar aus der “goldenen Ära” Hollywoods, die mit ihrer unverwechselbaren Präsenz und einem enormen Facettenreichtum als Vorbild für viele der nachfolgenden Aktricen fungierte, jedoch bezüglich des Formats als Leinwandheldin unerreicht blieb.

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Ich verneige mich daher nicht nur sprichwörtlich vor einer charmanten, vom Talent regelrecht beseelten und wahrhaft großen Lady, deren Vermächtnis und Lebensfreude unsterblich ist. Angesichts ihrer damaligen Freude im Rahmen ihres 90. Geburtstages würde ich darauf wetten, dass sie heute an ihrer Geburtstagstafel sitzen wird, ehrfürchtig auf ihre zwei Oscarstatuetten blicken wird, in die Hände klatscht und mit einem warmen Lächeln sowie verschmitzten Augenzwickern erwidert: “Another victory!”

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  • Heiko

    Wunderbar geschrieben! Ich verneige mich!

    In Zeiten, in denen Promis gerade wie die Fliegen sterben, und dies meist noch viel zu jung, ist es wirklich eine Wohltat mal ein so durchaus erfreudiges Ereignis feiern zu dürfen.
    Beim großen Kirk Douglas bin ich dieses Jahr auch guter Hoffnung, dass er noch die 100. Kerze auf seinem Geburtstagskuchen ausblasen kann.

    Zudem hoffe ich, dass de Havilland nicht die letzte Grande Dame des Kinos sein wird, die ein solches Großereignis feiern darf. Hoffentlich erleben wir dies in 6, respektive 8 Jahren erneut bei Doris Mary Ann Kappelhoff, besser bekannt als Doris Day. Spätestens dann dürfte hoffentlich auch bekannt sein, in welchem Jahr sie nun tatsächlich geboren wurde. 😉

    • Stefan T.

      Vielen lieben Dank! Ich verehre sie schon mein halbes Leben, also war dieser Artikel wohl das Mindeste. 🙂 In einem kürzlichen Interview gab sie übrigens an, es mit ihren Memoiren langsam angehen lassen zu wollen, da sie sich ohnehin vorgenommen habe, 110 Jahre alt zu werden. 🙂

      • Heiko

        Klasse. 😀
        So tiefenentspannt möchte ich später auch mal meine letzten Lebensjahre ins Auge fassen können.

  • Patrick

    Kann mich nur anschließen. Du hast einen sehr würdigen, tollen und leidenschaftlichen Artikel verfasst! Großartig! Vor allem gab es auch jede Menge Informationen und Anekdoten, die mir noch fremd waren. Von der Rivalität mit ihrer Schwester wusste ich auch bereits, aber schön, dass Du das auch noch einmal erwähnt hast – finde das schon irgendwie krass und schade. aber auch sehr denkwürdig, bleibt im Gedächtnis.