Film des Monats: Short Term 12 – Stille Helden (OT: Short Term 12)

Short Term 12

Mitten in der Oscarsaison 2014/2015 möchte ich diesen Monat nutzen Euch DIE Indi-Perle SHORT TERM 12 aus dem letzten Jahr vorzustellen und ans Herz zu legen. Warum dem Film in Deutschland eine anständige Kinoauswertung verwehrt blieb, erschließt sich mir einfach nicht, denn hier handelt es sich um einen dieser Filme, der unaufdringlich daherkommt, aber sich Mitten in das Herz schleicht, beeindruckt und sich dort tief einnistet. Hier stimmt einfach alles, von der Regie, über das feinfühlige Drehbuch, authentische brillant agierende Darsteller und Szenen, die noch lange nachwirken.

Hauptschauplatz des Streifens ist ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche, in dem sich von missbrauchgeschädigten Kids bis hin zu psychisch gestörten Teenagern einige Problemfälle aufhalten. Regisseur Destin Cretton beleuchtet dabei die verschiedensten Facetten der Angestellten und die der Teenager. Besonders beeindruckend sind die unterschiedlichen Vorgehensweisen, mit denen die Teenager ihre innersten Gefühle in einigen Szenen zum Vorschein bringen, sei es durch einen Rapsong, ein Bild oder eine selbst geschriebene Geschichte. Diese Art des künstlerischen Umgangs mit diversen erschütternden Schicksalen ist die große Stärke von SHORT TERM 12.Short Term 12 2

Nicht genug loben kann man hier den Cast, bei dem auch alle Jugenddarsteller absolut authentisch spielen. Am meisten Eindruck macht aber sicherlich Neuentdeckung Brie Larson, die mit ihrer schauspielerischen Tour de Force als Betreuerin Grace einem intimen Seelenstriptease hinlegt, mit dem sie bei den ganz Großen der weiblichen Schauspielgarde mithält und neben Cate Blanchett (Blue Jasmine) und Adéle Exarchopoulos (Blau ist eine warme Farbe), gefolgt von Veerle Baetens (Broken Circle Breakdown) und Bérénice Bejo (Das Vergangene) die beste weibliche darstellerische Leistung abgeliefert hat, aber leider im Kreis der großen Konkurrenz untergangen ist, obwohl das Werk 32 (!) internationale Filmpreise und 55 weitere Nominierungen für sich verbuchen konnte! (Siehe dazu auch meine Globe- und Oscarvergabe 2013/2014 in der Short Term 12 zurecht mehrfach vertreten ist!)

Definitiv hat die sensible, tief bewegende Perle des US-amerikanischen Independent-Sektors noch viel mehr Aufmerksamkeit verdient und sollte jeder einmal gesehen haben, denn wer mich kennt weiß, dass ich mit Superlativen wie „Meisterwerk“ wirklich sehr spärlich umgehe. Aber SHORT TERM 12 hat diese Betitelung wirklich verdient, denn in der Hand eines anderen Regisseurs oder anderer Darsteller hätte ein ganz anderer Film herauskommen können. Diese filmische Perfektion ist eine Wucht, macht aber gleichzeitig auch glücklich und nachdenklich. Einziges Manko ist die kurze Laufzeit, denn die 96 Minuten vergehen einfach viel zu schnell, möchte man doch noch viel länger mit den Protagonisten verweilen. Ehrlicher, echter und wahrhaftiger geht es einfach nicht!

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USA 2013 – 96 Minuten
Regie: Destin Daniel Cretton
Genre: Drama
Darsteller: Brie Larson, Kaitlyn Dever, Keith Stanfield, John Gallager, Jr., uva.

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  • Nathalie

    Ich mochte den Film auch sehr. Als Sozialarbeiterin (die schon mit Kids aus schwierigen Verhältnissen gearbeitet hat) muss ich allerdings auch sagen, dass mir die Beziehungsarbeit von Grace zu den Kindern als zu idealisiert dargestellt wurde. Klar wird deutlich, dass die Arbeit herausfordernd ist, die Bindung die Grace aber beispielsweise zu Jayden aufbaut, geschieht viel zu schnell. Das mag der kurzen Laufzeit des Films (die du ja auch kritisiert Paddy) geschuldet sein, ist für mich aber dennoch ein Manko. Hier wird für mich Sozialarbeit als die funktionierende, erfüllende Arbeit dargestellt, die diese mitunter auch sein kann, häufig streckt dir der Job aber nur eiskalt seinen Mittelfinger entgegen und du fängst immer wieder ganz, ganz kleinschrittig an Beziehungen zu 'solchen' Kids aufzubauen. Für diese Kids ist Vertrauen nämlich gerade etwas, dass sie nie/kaum erfahren gelernt haben und dementsprechend schwer annehmen bzw. weitergeben können. Daher geht mir das im Film zu schnell. Er ist aber dennoch eine kleine Filmperle.

    • Patrick

      Danke für Deinen schönen Beitrag Nathalie. Die Problematik, die du geschildert hast, wurde meines erachtens aber auch genannt und in Ansätzen gezeigt am Beispiel des "Neuzugangs" unter den Betreuern.

      aber wue Du schon gesagt hast, ist das eine minimale Kritik, die nicht weiter ins Gewicht fällt, weil der Film mit einer Perfektion auf allen Ebenen durchzogen ist, die man nur alle paar Jahre mal zu Gesicht bekommt. Eine Perle, die ich uneingeschrämkt empfehlen kann.