Film des Monats: Mord Im Orient-Express (OT: Murder On The Orient Express)

Für gewöhnlich war der November ein Kalendermonat, dem man trotz des unangenehmen, nasskalten Wetters mit immenser Spannung und Vorfreude entgegenblicken durfte, da das Kinoprogramm einen ersten, qualitativen Zenit entfalten konnte, indem eine ganze Anhäufung potentieller Anwärter auf diverse Filmpreise ihren Einzug in die hiesigen Lichtspielhäuser fand. In diesem Jahr scheint dies im Hinblick auf die aktuellen Zuschauerlisten ganz offensichtlich eher weniger der Fall zu sein, dennoch sorgte zumindest der Starttermin von “Mord Im Orient-Express” aufgrund des geradezu gigantischen Trailers für ein hohes Maß an Vorfreude. Bis dato wurde der vielleicht meistgelesene Roman aus der veritablen Bibliographie von Agatha Christie (1890 – 1976) insgesamt drei Mal für Leinwand und Fernsehen adaptiert, jedoch noch nicht in derart theatralischer Manier. Ersterdings bildete jedoch das beeindruckende Schauspielensemble, bestehend aus insgesamt sechs oscarnominierten Mimen, respektive zwei Siegerinnen, einen der Hauptgründe für die Sichtung des Werkes, das seit dieser Woche hierzulande einer Betrachtung unterzogen werden kann.

Die Geschichte rund einen überaus mysteriösen Mordfall, der sich im Beisein des belgischen Meisterdetektivs Hercule Poirot auf der prestigeträchtigen Zugroute von Istanbul nach Westeuropa ereignet, dürfte wohl selbst Krimi-abstinenten Personen zumindest entfernt vertraut vorkommen. Insbesondere weil Kenneth Branagh in der Regierolle dafür bekannt ist, sich bei Literaturverfilmungen besonders eng an die ursprünglichen Begebenheiten zu orientieren, war eine völlige Abkehr von Christies Vorlage selbstredend in keinem Fall zu erwarten, dennoch lassen sich einige, größtenteils plausible Abweichungen im Hinblick auf die Konstellation der unter Verdacht stehenden Passagiere identifizieren, dennoch spürt man gerade der seriösen, nur gelegentlich von komödiantischen Anleihen gespeisten Dramaturgie eine gewisse Demut gegenüber dem Original unverkennbar an. Zweifelsohne mag der Spannungsfaktor für all jene Zuschauer am allergrößten sein, die keinerlei inhaltliche Vorkenntnisse besitzen, demgegenüber punktet die Inszenierung mit einer auffallend hohen atmosphärischen Dichte und spricht daher auch eingefleischte Fans der Poirot-Reihe an, wozu vor allem die elegante Kameraarbeit und die erzählerische Besonnenheit bei der Aufklärung des Falls entscheidend beitragen. Den Hauptkritikpunkt stellt für mein Befinden die mit einem Hang zur Selbstinszenierung tendierende Skizzierung des ermittelnden Protagonisten dar, welche den Nebenfiguren und ihren Beweggründen sporadisch nicht genügend Zeit zur Entfaltung zugesteht. Nichtdestotrotz hilft einem die (im besten Sinne) altmodische Aufmachung nebst herausragenden Staffagen, oscarwürdigen Kostümen und ideal platzierten Effekten, diesen Umstand leicht zu verzeihen. Da es ein nahezu aussichtloses Unterfangen darstellt, eine Drehgenehmigung in Israel zu erhalten, erwies sich der Inselstaat Malta darüber hinaus als geradezu vortreffliche Alternative für den Dreh der Eingangssequenz, während der Schlussakt wiederum eine interessante, theologische Reminiszenz freizulegen vermochte. Wie in den meisten seiner Eigenproduktionen ließ es sich Branagh nicht nehmen, selbst in die Titelrolle zu schlüpfen und diese mit Charme und Spielfreude zu neuem Leben zu erwecken. Michelle Pfeiffer darf als weiteres, ungemein präsentes Highlight betrachtet werden und steuerte obendrein in Form “Never Forget” im Abspann einen überaus emotional gehaltenen Song bei. Während die nunmehr fast 83-jährige Judi Dench von innerhalb weniger Monate die bereits dritte, erstklassige, ein weiteres Mal scheinbar mühelose Performance entbietet, stechen speziell Josh Gad sowie der mir zuvor gänzlich unbekannte Tom Bateman mithilfe sehenswerter Leistungen hervor. Überraschenderweise bildet Penélope Cruz in der Rolle der Missionarin, für die Ingrid Bergman seinerzeit die Oscarstatuette erringen konnte, das schwächste Glied des Ensembles, das allerdings als harmonische Einheit agiert.

Sidney Lumets weltbekannte Verfilmung aus dem Jahre 1974 heimste seinerzeit ein halbes Dutzend an Oscarnominierungen ein und gilt heute als einer der Meilensteine des Genres. Dass ebendieser Status auch von dem gleichnamigen Remake erreicht wird, dürfte aufgrund des verhältnismäßig zurückhaltenden Kritikertenors stark anzuzweifeln sein, dessen ungeachtet stellt die stilvolle, handwerklich sogar vortreffliche Literaturverfilmung investigative Unterhaltung auf hohem Niveau dar und funktioniert am ehesten als legitime Hommage an die Kriminalfilme alter Schule. Was bleibt, ist daher eine aufwendig inszenierte, exquisit besetzte, aber unglücklicherweise nicht in sämtlichen Belangen ihr volles Potential ausschöpfende Neuauflage.

USA / UK 2017 – 114 Minuten
Regie: Kenneth Branagh
Genre: Krimi / Drama / Thriller
Darsteller: Kenneth Branagh, Penélope Cruz, Willem Dafoe, Judi Dench, Johnny Depp, Tom Bateman, Josh Gad, Derek Jacobi, Michelle Pfeiffer, Daisy Ridley, Olivia Colman, Leslie Odom Jr.
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  • kaik

    Schön geschrieben, ja, es ist meines Erachtens auch so eine 7. Tut nicht weh und die BIlder sind gewaltig. Johnny Depp hast du noch vergessen zu erwähnen, der hier das Highlight der Männer darstellt und seit Black Mass wieder richtig schauspielern kann. Michelle Pfeiffer ist aber tatsächlich der große Lichtpunkt – sie sollte dieses Jahr mal eine Nebendarstellernominierung ergattern (hier oder für Mother).

    Penélope Cruz und Kenneth Branagh sind lame.

  • Felix Haberkorn

    Bin echt gespannt auf den Film. Ich liebe die Stoffe Agatha Christies. Am liebsten allerdings 10 kleine Negerlein.
    Kenneth Branaghs Filme sehe ich meist sehr gerne, ist einfach ein Regisseur alter Schule. Gerade seine Shakespeare-Verfilmungen sind zu empfehlen, insbesondere Winternachtstraum. Dennoch muss ich zustimmen, dass Branagh zwar einerseits ein klasse Schauspieler ist (gerade in Dunkirk hat er mir sehr gefallen, weil er viel mit seiner Mimik gearbeitet hat). Doch anderseits lässt sich nicht abstreiten, dass er ein ganz klein wenig selbtsverliebt ist, was die Inszeneirung seiner Rollen angeht.

    • kaik

      Er inszeniert wirklich toll. Bei ihm hat jeder Film einen Hauch Oper. Aber sein Ego ist bei Rollenverteilung zu groß.

      Daher hat mich gewundert, dass er in Thor die Rolle des Odin Anthony Hopkins überlässt.

      • Patrick

        Wer ihn noch nicht gesehen hat; HAMLET (1996) von Kenneth Branagh – lang aber überaus lohnenswert mit einer grandiosen Winslet, so wie ich sie am liebsten habe! Ungezügelt!